Foto: Jakob Studnar

Zwischen Paranoia und Realität

 

 

Regisseur Matthias Heße vermischt in seinem Stück „Illuminatics. Ein Mindfuck-Workout in 23 Stufen“ Verschwörungstheorien mit Trash, Absurditäten und Illusion. Heraus kommt ein humorvoller und nicht ernst zu nehmender Abend.

 

Von Maike Grabow

 

Ob um die Illuminaten, die JFK-Ermordung oder die Zahl 23: Verschwörungstheorien sind in einigen Kreisen der Gesellschaft fest verankert. Man kann von einem Verschwörungswahn sprechen, wenn jemand hinter allen Dingen größere Zusammenhänge und eine Geheimorganisation vermutet. „Warum ohne leben?“, fragt sich Celine Hagbart (Elisa Reining).

 

In seiner dritten Arbeit als Regisseur beschäftigt sich Schauspieler Matthias Heße am Schlosstheater Moers mit Absurditäten, Verschwörungen, Paranoia und künstlicher Intelligenz. Das Stück „Illuminatics. Ein Mindfuck-Workout in 23 Stufen“ richtet sich lose an die Kult-Trilogie „Illuminatus!“ von Robert Shea und Robert Anton Wilson und ist genauso verwirrend wie diese. Es geht von Stufe 1 „Höre den Startschuss“ bis Stufe 23 „Am Schluss wird geheiratet“.

 

Abgekapselt vom Rest der Welt wird die zum Theater umgebaute Friedhofskapelle, eine eher ungewöhnliche Spielstätte, zu einer eigenen Realität mit anderen Regeln und Bedingungen. Es wird gekonnt mit verschiedenen Ebenen im Bühnenbild und Zuschauerraum gespielt sowie die Grenzen zwischen ihnen überwunden. Die Zuschauer sitzen mit im Wohnzimmer einer Familie – bestehend aus dem Alt-Hippie Neuss (Patrick Dollas), der Halb-Piratin Celine Hagbart sowie Tierrechtsaktivistin Brute (Lena Entezami) – und ihrem IT-Sicherheitsexperten Georg Dorn (Roman Mucha), die sich ganz der Welt der Verschwörungen hingeben. Durch die geringe Distanz sind die Zuschauenden hautnah dabei, sie erinnert einem an die Aufnahme einer Sitcom. Alles wirkt futuristisch, zusammengemixt mit Elementen aus den 80er und 90er Jahren. Ein gutes Beispiel dafür ist die KI der Familie: FUCKUP ist ein First Universal Cybernetic-Kinetic Ultra-Micro Programmer. Im Wesentlichen kümmert er sich darum, die Menschen morgens aufzuwecken, das Hexagramm des Tages zu verlesen und die Menschen zu ärgern. Was ihm in der Gestalt von Furby, das nervige Spielzeug aus den späten 90er Jahren, auch gut gelingt.

 

Das Ziel der Familie ist, ihre Verschwörungstheorien zu verbreiten. Doch eigentlich wollen sie nur etwas tun – und was eignet sich dafür besser als ein eigener Kanal von der Internet-Ikone Celine Hagbart? Und mal ebenso wird der Umgang der gegenwärtigen Gesellschaft mit Medien parodiert. Ob da tatsächlich der echte Eugen Drewermann sitzt oder sein Körper nur reinprojiziert wird, spielt keine Rolle. Hauptsache mehr Follower, Likes und Käufer. Geht es noch darum, den nahenden Weltuntergang zu verkünden oder nur die Konkurrenten zu überbieten? Alles scheint Illusion zu sein. Wie Georg Dorn zu Beginn verkündet, wird er verschiedene Rollen an diesem Abend spielen, denn jeder spiele im Leben mehrere Rollen. Deswegen ist er nicht nur Georg Dorn, sondern auch der Delfin und Mitglied eines Delfin-Geheimbundes Howard sowie der unheimliche Nachbar Dillinger. Am Ende vermischen sich die Figuren, die er spielt. In Wahrheit ist er alle – oder alle sind eine Illusion.

 

Der Abend versucht durch ein paar intensive Monologe von Celine Hagbart, die an einer Existenzkrise leidet, an Ernsthaftigkeit zu gewinnen. Doch das wird durch den nächsten Trash zerstört, egal ob schlechter Porno, billige Sketsche oder viele Wiederholung, der Regisseur greift tief in die Schatzkiste des Humors. Ernst nehmen kann man das Stück nicht. Und wer sich nicht mit den ganzen Verschwörungstheorien auskennt, dem wird es schwerfallen, die Verbindungen zu erkennen. Doch nachlesen kann dies jeder auf der Internetseite der Illuminatics. Das Stück ist so überladen mit Themen, Illusionen, vermischten Realitäten, Trash und Absurditäten, dass man nicht von einem stringenten Handlungsverlauf sprechen kann. Zu schnell verlieren sich die Figuren innerhalb der Handlung und schlagen neue Wege ein. Doch was ist das Stück – eine Sitcom, eine Komödie oder tatsächlich Realität?

 

 

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Foto: Tom Schulze

Widerstand mit Wirbelwind

 

 

„Teenage Widerstand“: Jugendprotest gestern und heute als Bildertsunami im Theater der Jungen Welt

 

 

Premiere: 2. März 2019

 

Von Torben Ibs

 

 

Ganz zum Schluss schälen sie sich aus ihren grauen Overalls, der an den Mao-Tse-Tung-Einheitslook der Kulturrevolution erinnert, zeigen ihre bunten T-Shirts mit Parolen oder Logos und erzählen am Mikrofon, wofür oder wogegen sie sich politisch engagieren: Gegen Rechts, für Gender-Gleichheit oder die Schulstreiks für Klimagerechtigkeit. Aufstehen, dagegen sein, aber lustvoll und fast schon unbeschwert. Und stellen doch auch die großen Fragen. Eine der Spielerinnen wollte als Kind Bundeskanzlerin werden, mittlerweile ist sie sich da nicht mehr sicher: „Wann geht das eigentlich verloren, diese Greta in uns?“ Auf der Bühne findet diese Antwort nicht. Die ältesten dort sind 18, die jüngsten 13 Jahre alt. Aber vielleicht weiß es irgendwer da draußen.

 

„Teenage Widerstand“, das am Samstag am Leipziger Theater der Jungen Welt Premiere hatte, ist das erste Jugendprojekt im TdJW, das für den regulären Spielplan angelegt ist und Theaterpädagogin und Regisseurin Caroline Mährlein hat sich ein schillerndes Grundthema gesucht. Ausgehend von den Leipziger Meuten, einer Leipziger Jugendopposition in der Hitler-Zeit sucht sie nach dem politisch Aufsässigen in Jugendlichen. Die 15 Spielerinnen und Spieler decken da ein großes Spektrum ab, wie sich aber erst nach und nach zeigt.

 

Den Start machen zunächst eindrückliche Bilder der genormten Monotonie. Choreografiert von Lukas Steltner und Joy Alpuerto Ritter stapfen sie im klaren Takt über die Bühne, passgenau in die Lücken passen die Körper, als sie sich in X-Formation kreuzen und danach zu einer großen Reihe formieren. Jeder Stolperer genau gesetzt als Vorzeichen der Unbotmäßigkeit. Ob gestern oder heute ist da egal – Konformität, das ist das Problem und der Ausgangspunkt für jeden Ausbruch. Kein allzu neuer Gedanke sicherlich, aber in kraftvollen Bildern und einer hohen Spielenergie umgesetzt, die durch den gesamten Abend trägt.

 

Meistens geht es impulsiv zu. Eine Kochshow mit Trotztomaten und Wutwirsing soll die Leute vor Widerstand zum Kochen bringen, es gibt selbstgeschriebene Songs mit klarer Kante („I want protest, I want resistance, I‘m different, I‘m me) und eingestreute Texteinlagen zu Migration, Plastik im Meer oder Gender Performance („Ich will mich nicht definieren!“) und zum Schluss hin fliegen sogar pantomimisch Steine in Richtung Publikum. Vielleicht klopfen sie aber auch nur wütend gegen ein Tor. Insgesamt vertraut die Inszenierung eher den Bildern denn den Texten, in den musikalisch choreografierten Szenen laufen die Performer zu Hochform auf. Sie sprayen, taggen, und tanzen. Pop versus Rock, Reaggeton gegen Billy Talent und System of a Down. Punker gegen Popper reloaded, aber mit feministischen Hip-Hop - immerhin. Und mitten drin immer wieder Verweise auf die Meuten mit Auszügen aus Gestapo-Akten und ihrem Nicht-Auftauchen in den Geschichtsbüchern. „Das ist in meiner Straße passiert und ich weiß davon nichts“, empört sich eine.

 

So stürmen sie bildgewaltig durch den Abend, rollen die Bühnenteile, die Bühnen- und Kostümbildnerin Elena Köhler ihnen bereit gestellt durch die Gegend und lassen alle ihren kleinen pinken Zipfelchen, die in den grauen Overalls versteckt sind, nach und nach sehen. Protest als Rausch und Erlebnis zelebriert, wo kollektiv im Beat von „We will Rock you“ gestampft wird, aber die Frage, inwieweit dieses Stampfen sich überhaupt von dem Marschierton des Anfangs unterscheidet, nicht mehr gestellt wird. „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, wird Tocotronic gleich zweimal zitiert, doch diese Bewegung ist heute wohl eher ein Kaleidoskop von Bewegungen und Themen, die alle Gleichrangigkeit behaupten. Die stärksten Momente in diesem Abend sind dann auch eher die ruhigen Kontrapunkte, die sich abheben von diesem poppig-fetzigen visuell-akustischen Mahlstrom und Inhalte anreißen, aber selten ausloten. Und dann wirbelt der nächste Bildertsunami alles wieder fort. Bis zum Schlussbild, das doch noch genau diese Räume kurz öffnet.

 

 

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Foto: Karl-Bernd Karwasz

Rhythm is a cancer

 

Let the beat control your body: Im Schauspiel Hannover inszeniert Łukasz Twarkowski den französischen Zeichentrickklassiker „Es war einmal...das Leben“ als unendliche Techno-Party.

 

Premiere: 23. Februar 2019

 

Von Jan Fischer

 

Die härteste Tür der Stadt ist das Hirn, klar, aber bevor es hier um die niemals endende Technoparty geht, als die der Regisseur Łukasz Twarkowski in „Es war einmal...das Leben“ den Körper inszeniert, geht es erst einmal um Nostalgie. Denn die spielt eine große Rolle in der Inszenierung im Schauspiel Hannover. „Es war einmal...das Leben“ basiert auf der gleichnamigen Zeichentrickserie aus dem Jahr 1987, die in 26 Folgen ab 1990 in der ARD ausgestrahlt wurde und versuchte, komplizierte körperliche Vorgänge kindgerecht zu erklären – und damit ein Favorit für lange Samstagnachmittage der frühen 90er wurde.

 

Von der kuscheligen Zeichentrickserie ist die Inszenierung des polnischen Regisseurs allerdings weit entfernt. Nur einmal wird die Titelmelodie kurz auf einem Xylophon angespielt. Ansonsten geht es im Inneren von  Twarkowskis Körperinszenierung eher zu wie bei einem Videoabend im Berghain. „Hast du mein ATP gesehen?“ kreischt da in einem Autowrack eine Zelle ein genetisch verändertes Lymphozyt an, während weiter hinten fröhlich Dopamin und sonstige körpereigene Drogen geschluckt werden und pumpender Deephouse über die Bühne vibriert.  Statt putzigem Zeichentrick ist der Körper bei Twarkowski eine Technoparty, in der das Herz mit 120 beats per minute den Rhythmus vorgibt und das Gehirn die härteste Tür der Stadt ist.

 

Folgendes passiert: Durch einen Autounfall liegt ein Mann im Koma (den Part des erkrankten Dieter Hufschmidt übernimmt in der Premiere Wolf Bachofner). Im Krankenhaus wird bei ihm ein Hirntumor festgestellt, den sein Sohn mit Hilfe der durch die Genschere CRISPR/Cas9 veränderter weißer Blutkörperchen, heilen möchte. Aus dieser Situation entfalten sich mehrere Erzählebenen, eine im Krankenhaus, eine aus Rückblenden, eine im Körper des Kranken, die sich in der gut vierstündigen Inszenierung motivisch vermischen. „Es war einmal...das Leben“ ist dabei ständige Überforderung: Fast die ganze Inszenierung hindurch gibt es Musik, die zweite Hälfte ausschließlich Techno, komplexe Live-Kamerachoreographien doppeln, verfremden oder ergänzen die Handlung auf der Bühne, ein fahrbarer, auf einer Seite einsehbarer Bunker auf der Bühne wird mal zum Krankenzimmer, mal zum Labor, fährt mal vor, mal zurück, mal in die Bühne und wieder hinaus und wird dabei innen und auf dem Dach bespielt.

 

„Es war einmal...das Leben“ ist dabei Twarkowskis erste Inszenierung im deutschsprachigen Raum, in Polen und Litauen hat sich der 36jährige Regisseur allerdings schon durch seine eigenwilligen Inszenierungen, die irgendwo zwischen Installation, Inszenierung, Videokunst und radikalem Discoabend liegen allerdings schon einen Namen gemacht – und räumte dabei auch renommierte Theaterpreise ab. Hierzulande wird Twarkowski eher noch als Geheimtipp gehandelt – ein Abend wie „Es war einmal...das Leben“ am Schauspiel Hannover dürfte das wohl ändern. Auch, wenn die Inszenierung nicht nach dem Geschmack des ganzen Publikums ist: Nach der Pause bleiben auffällig viele Sitze im Zuschauerraum leer.

 

Schade eigentlich, denn gleich zu Beginn gibt ein kleiner Vortrag die Marschrichtung vor: Kunst sei schwer zu verstehen, und „dem Akt des Verstehens geht eine Phase der Verständnislosigkeit voraus“. Genau wie die Zeichentrickserie mit versucht die Inszenierung, komplexe Sachverhalte einfach darzustellen. Es gibt eine Talkshow-Szene, in der kurz die aktuelle Diskussion um genetisch veränderte Embryonen in China aufgreift, in emotionalen Szenen wird die Fünfecksbeziehung aus Vater, Sohn, Frau des Sohnes, Mutter, zweiter Frau des Vaters aufgearbeitet, gleichzeitig läuft die Körperdisco immer weiter, es geht um Körperbilder, aber eigentlich geht es auch im Wissenschaft: „Die Wissenschaft ist das Fundament unserer Gesellschaft“ wird einmal in einem eingespielten Sprechtext gesagt, und sowieso: Es geht um nicht weniger als das Verstehen selbst. So wird das Bühnengeschehen mit viel Kunstnebel und seinen eleganten motivischen Verknüpfungen der parallelen Handlungen eine sehr dichte Angelegenheit, die mit lange ausgespielten, aber guten Ideen überzeugt. Aber eben auch  stellenweise eben überfordernd, so dass es trotz der Länge der Inszenierung nicht langweilig wird.

 

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Foto: Thilo Beu

„Isfahan ist die Hälfte der Welt“ (persisch اصفهان نصف جهان)

 

Regisseurin Carina Eberle inszeniert „33 Bogen und ein Teehaus“ nach dem Roman von Mehrnousch Zaeri-Estfahani. Die Inszenierung setzt einen gegenwartskritischen Impuls zur richtigen Zeit, indem sie die Fluchterfahrung einer Familie aus dem Iran begleitet, die versucht ihre Selbstbestimmung beizubehalten und gleichzeitig ein Heimatgefühl zu finden.

 

Theater Bonn, Premiere am 21. Februar 2019

 

Von Lena Weyers

 

„Ich wünschte mir, ich würde mich in Luft auflösen, denn ich wollte nach Hause. Da aber stellte ich mir die Frage, wo mein Zuhause war. Und mir wurde bewusst, dass ich kein Zuhause hatte.“ – Mehrnousch

 

Mehrnousch ist mit ihrer Familie im Iran, in Isfahan, in den 1980er Jahren aufgewachsen. Man wird als Zuschauer von der ersten Minute an mit an diesen 5.165 Kilometer von Bonn entfernten Ort genommen. Dies geschieht vor allem durch das minimalistische Bühnenbild von Ausstatterin Karen Simon, welches den Titel der Adaption sofort in der Gestaltung der Stadt verortet. Isfahan, mit seinen Wahrzeichen, der 33-Bogen-Brücke und dem wunderbaren Teehaus, wird zu Beginn leicht idealisiert, beispielsweise durch die stetige Thematisierung des Mondes und der Sterne. Diese Darstellungsweise ergibt allerdings im weiteren Verlauf des Stückes durchaus Sinn. Die großen Kissen mit den traditionellen Mustern wirken hier erstaunlicherweise nicht aufgesetzt, da man durch sie in diese Welt eintauchen kann. Erwähnenswert sind unbedingt noch die beeindruckenden Animationen von Eszter Janka, welche wesentlich die Bewegungen der Familie untermalen. 

 

Erzählt wird hier eine derzeit politisch aktuelle Geschichte. Die Autorin Mehrnousch Zaeri-Esfahani erzählt von ihrer Jugend. Da hier einige Jahre in etwa 1 ½ Stunden erzählt werden, ist das Spieltempo dementsprechend hoch. Die Betonung liegt auf ‚erzählen‘, man merkt, dass der Inszenierung ein Roman zugrunde liegt. Es wird erzählt und parallel veranschaulicht, gezeigt. Diese Methodik tut der Inszenierung jedoch keinen Abbruch, die Geschichte wirkt dadurch weniger fiktiv, eher so, als wäre sie von den Großeltern oder Eltern über Generationen weitergegeben worden.

 

Die Träume der Kinder spielen eine große Rolle. Und man glaubt ihnen diese Welt sofort, was auch an der Spielweise von Soraya Abtahi (Mehrnousch) und Steffen Lehmitz (Mehrnouschs großer Bruder Mehrdad) liegt, die leicht und unbeschwert das Bild einer zunächst wunderbaren Kindheit entwerfen. Mehrdad möchte später Schokoladenfabrikant werden und Schokolade spielt sowieso die Hauptrolle in seinem Leben: Er teilt stets geschwisterlich mit Mehrnousch und rät ihr, sich einen Vorrat zuzulegen: „für knappe Zeiten“ – hier eine bittere Vorausdeutung der weiteren Ereignisse. Schokolade bleibt stets ein Überlebenselixier und ein Hoffnungsträger.

 

Mit dem Bombenhagel ist alles anders. Nach dem Sturz des Schahs ist im Iran mit Errichtung der Diktatur alles verboten: Haare zeigen ist verboten, weltliche Musik, hier Michael Jackson, ist verboten, tanzen ist verboten, Schokolade (!) ist verboten, im Teehaus sitzen ist verboten, Europa und Amerika sind verboten. Die eingesetzten Sittenwächter, die vor allem den Kindern die Lebensfreude nehmen, werden durch schwarze Mächte dargestellt, die die Kinder vereinnahmen. Mehrnousch nimmt sich zunächst vor, die beste Lügnerin der Welt zu werden. Diese kindliche Überlebensstrategie wirkt jedoch nicht lange. Unterstützt wird die Darstellung durch auffallend viele akustische Elemente, sodass man auch als Erwachsener das Gefühl hat, mit „großen“ Ohren zuzuhören.

 

Wie bleibt man innerlich am Leben, wenn außen Krieg tobt? Der Mond, soeben noch Traumbild, wird in der Inszenierung zur Bombe umfunktioniert. Als schließlich die Nachbarin der Familie entführt wird, Hinrichtungen zur Tagesordnung werden (die Kinder fragen: „Papa, was sind Hinrichtungen?“), die eigene Heimatstadt fremd und kalt wird und Mehrnouschs Bruder schließlich zum Krieg eingezogen werden soll, beschließt die Familie gemeinsam und ohne Verabschiedung nach Istanbul zu fliehen. Während der Flucht zeigt die Beziehung zum Mond immer wieder den Gemütszustand von Mehrnousch an, fühlt sie sich alleine, möchte sie auch den Mond nicht sehen, der sonst als Fluchtpunkt und Leitstern fungiert.

 

Nach einem Aufenthalt in Istanbul macht die Familie sich auf den Weg nach Deutschland. Dabei versuchen die Figuren sich stets vor Augen zu halten, dass sie einander haben, und was das Schöne am Leben ist, selbst wenn sie keine Kraft mehr haben und ihnen ein „keiner will euch hier“ entgegengebracht wird. Schließlich finden sie nach Stationen in Ost- und Westberlin und einer Erstaufnahmeinrichtung ein neues Zuhause in Heidelberg. Ob das deutsche Fernsehen, die neue deutsche Schule, oder das Behördendeutsch, diese neuen Situationen werden in kleinen Szenen ausgespielt, und in kindlichem Duktus dargestellt, jedoch nie naiv behandelt.

 

Flüchtlingsdasein ist universell und interkulturell: Immer wieder werden Querverbindungen gezogen zwischen den Flüchtlingsbewegungen heute, den Flüchtlingen der DDR und Maria und Josef, welche an Heiligabend eine Herberge suchen, aber ebenfalls stets abgewiesen werden. Als mit der medialen Ankündigung der Atomkatastrophe von Tschernobyl die vermeintlich nächste gesellschaftliche Krise auf die Familie zukommt, bleibt auch hier Schokolade das Überlebenselixier – zumindest für heute.

 

Weitere Vorstellungen am 01. April, 08. April, 09. April (9:30 Uhr und 12:00 Uhr) und am 28. April in der Werkstatt des Theater Bonn.

 

 

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Foto: David Konečný

Suche nach Tiefe

 

Das Festival „Cirkopolis", das vom 10. bis 16. Februar 2019 in Prag stattfand, gibt New-Circus-Inszenierungen aus Europa eine Bühne. Es zeigt sich, dass sich das „Neue" nicht durch Technik, nicht durch Material, sondern in der Suche nach performativer Tiefe ausdrückt.

 

Von Laura Brechmann

 

Der Neue Zirkus (frz. Noveau Cirque) ist in den 80er Jahren in Frankreich entstanden und setzte sich allmählich in der französischen und dann auch europäischen Kulturszene durch. Die Genrebezeichnung „Neuer Zirkus" ist somit schon seit längerem kein Novum mehr in den darstellenden Künsten Europas. Die Publikumsgemeinde wächst, neue Schulen und Gruppen entstehen. Internationale Artisten und Kompagnien kombinieren immer häufiger ihre traditionelle Zirkuskunst, die von Jonglage bis zu Luft-, Seil-, und Hand-to-Hand-Akrobatik reicht, mit Theater, Tanz und Performancekunst. Komplexe Inszenierungen, wie die von Jean Le Guillerm, Camille Boitel oder Jörg Müller, gehen weit über klassische Zirkusnummer hinaus. Kraft und Poesie der Inszenierungen beruhen auf reiner Körperlichkeit und einem sensiblen und tief-sinnlichen Umgang mit dem Material.


Die Produktionen des „Cirkopolis"-Festival, das jährlich vom Kulturzentrum Palác Akropolis und dem Zirkuszentrum CIRQUEON ausgerichtet wird, lassen diese Einflüsse erkennen. Zunächst zeigt sich jedoch lediglich, dass Zirkuskunst nach wie vor sehr gute Unterhaltung sein kann. Dies beweist die Produktion „Loop" (FR) des Kollektiv Cie Stoptoi (Neta Oren, Gonzalo Fernandez) unter Beteiligung des Musikers Gaëtan Allard. Oren und Fernandez wissen die Jonglage Bälle und die faszinierend flexiblen Plastikringe auf überraschende Weise einzusetzen. Das Material, und hier wird es interessant, erlangt in „Loop" eine gewisse Selbstständigkeit. Es „spielt" mit den Performern und reagiert wann und wie es möchte. Diese Ebene des Unkontrollierbaren und Zufälligen, die unter den Shownummer aufblitzt, ist spannend. Doch die Dramaturgie ist simple. Zirkusnummer reiht sich an Zirkusnummer. Es wird schwieriger und aufwendiger. Das Publikum staunt über das Können der Artisten. Aber berühren tut es nicht. „Neues" findet sich auch in der Inszenierung „Memo" (NL/BL) von Zinzi&Evertjan nicht. Eine Beziehung. Mann und Frau. Ein unüberbrückbar scheinender Konflikt. All das findet sich in dieser Inszenierung wieder. Doch obwohl die Thematik, da schon unzählige Male erzählt, mutig gewählt ist, ist die Inszenierung nur wenig überzeugend. Die Hand-to-Hand-Akrobatik ist höchst anspruchsvoll, sie wird von ihm durch die Luft gewirbelt, hochgeworfen, aufgefangen, aber in dieser Kunst erzählt sich nur wenig von Brüchen und Verletzungen, Konflikten und Spannungen zwischen Individuen.


Doch es geht auch anders. In der Inszenierung „Dó" (CZ) zum Beispiel, nähert sich AMU-Absolvent Lukas Blaha unter Einsatz der weißen Jonglage-Bällen seiner Performancepartnerin Eva Stará zaghaft und beobachtend. Die Beziehung von Performer und Material ist beinahe symbiotisch. Das Zirkusmaterial gewinnt, in dem Blaha es untersucht, herausfordert, erforscht, an performativer Kraft und zeigt, dass auch Jonglage eine vielschichtige Kunstform sein kann. Eine ähnliche Sprache lässt sich in der Produktion „Acrometria" (CAT) der Kompagnie PSiRC entdecken. Die Inszenierung überzeugt durch beeindruckende akrobatische Technik. Wanja Kahlert, Adrià Montaña und Anna Pascual montieren ihre Disziplinen geschickt, um von Begegnungen zu erzählen, die verstörend wie poetisch zugleich sind. Trotz dem Einsatz einer Chinese Pole-Stange und viel Hand-to-Hand Akrobatik kann somit von Shownummern keine Rede mehr sein. Ebenso wissen die Luftakrobatin Eliška Brtnická in ihrer site-specific Performance „Opticon" (CZ) und die Kompagnie Lonely Circurs in der Produktion „Mass Critique" (FR) ihr „Zirkushandwerk" einzusetzen. In intensiver Auseinandersetzung von Performer und Material wird versucht Narrative zu finden, die in die Tiefe gehen und poetisch wie kritisch zugleich sind. Diese Versuche, so die Vermutung, sind das „Neue" im Zirkus, dass es nun zu entdecken und auszubauen gilt. Denn Mut zu szenischen Experimenten, die die Grenzen des Zirkus zu anderen Disziplinen verschwimmen lassen, sind bei „Cirkopolis" nur in vorsichtigen Anklängen zu finden. Die klare Sprache des Zirkus mit seinem Handwerk und seinen Figuren erscheint wie ein Sicherheitsraum, den zu verlassen ein, vor allem für junge Kompagnien, noch nicht einzuschätzendes Risiko ist.

 

 

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