Demonstranten im Sitzstreik

 

Von Maria Bohlen

 

Im Theater der Zukunft möchte ich ganz in eine Welt eintauchen. Der Publikumsraum und das kollektive Besetzen dieses gibt Sicherheit und Bestätigung in der Rolle als Zuschauender, als Gast, der ausschließlich rezipiert.


Vielmehr drängt es mich aber zu entdecken.


Deshalb wird der Aufführungsraum in Zukunft ganz Aufführungsraum sein, es stehen keine für den Besucher bestimmten Stühle darin. Am Eingang kann jeder entweder auf den Vorschlag eingehen sich einen Stuhl mitzunehmen oder er wählt seinen Platz (welcher dann nicht nur auf die Stellen beschränkt ist, an welche ein Stuhl passt und stehen bleibt) frei im Raum auf dem Boden. Hat sich jeder hingesetzt, werden die unterschiedlichen Sitzgruppen je nach aufgeführtem Stück und Größe der jeweiligen Ansammlung in dieses einbezogen:


Die Figuren können sich auf eine größere Sitzgruppe als ‚Demonstranten im Sitzstreik; Geschworene, die z.B. zu dem Urteil gekommen sind, dass Königin Katharina sich des Ehebruchs gegenüber Henry VIII schuldig gemacht habe, etc.’ beziehen.


Einzelne Besucher ‚werden’ zu Gegenständen wie einem Kühlschrank oder anderen Orientierungspunkten wie Städten oder Anhöhen. Um Einen spielen sich die Geschehnisse in Julias Zimmer ab, nahe einem Anderen kämpfen Paris und Romeo vor der Familiengruft der Capulets.


Der Raum an sich ist mit mehreren Stufen ausgestattet, von welchen keine die erkennbar höchste ist. Vom Eingang aus gesehen fließen die Erhebungen zur rechten und zur linken Seite hinab, eine seichter die andere steiler, und gehen in Raumbereiche über, in denen es kleine Hebungen und Senkungen gibt.


Naturalistische Elemente sind überflüssig, da sie nicht zum Verständnis beitragen. Die Auswahl bestimmter Requisiten macht Verstehen und zur selben Zeit Entdecken möglich. Habe ich einmal verstanden, wo sich die Szene abspielt, konzentriere ich mich wieder auf die Charaktere selbst: Was passiert mit ihnen? Was unter ihnen? Was spüre ich? Was bekomme ich von ihnen mit? Nehme ich wahr, wie sich eine einzelne Person verändert?

Was geschieht bei ihr? Erzeugt es Resonanz bei den anderen Figuren?