Wille und Hoffnung

 

Von Madita Kretschmer

 

Zwei Menschen in langen, bunten Mänteln, die über und über mit Bildern und Geschichten bedeckt sind, durchwühlen riesige, graue Schuttberge. Neben den Trümmern bauen sich Monster des Kapitalismus und der Verwahrlosung auf. Sie werfen so einen großen Schatten auf den traurigen Schutthaufen, dass niemand mehr auf ihn achtet.


„Schon wieder eins. Das niemand etwas merkt glaube ich nicht!“ Der eine Mensch hat sich verzweifelt auf so etwas wie einem Geländer nieder gelassen. „Aber wenn wir jetzt etwas finden, können wir vielleicht verhindern, dass noch mehr Städte verblassen.“ Die Hoffnung geht auf den sitzenden Willen zu. „Was sollen wir denn hier finden? Und selbst wenn, die Geier werden immer über uns kreisen. Es ist schon die fünfte Stadt in diesem Monat. Sie zerstören etwas wo alle Generationen vereint werden, wo gelebt wird. Aber was zählt für diese Leute schon, dass man lebt?“ Die Hoffnung sieht sich um. „ Sie dir unsere Kleidung an, es gibt keine Geschichte dieser Welt die ich nicht zeige! Steh mal auf!“ Der Wille steht schwerfällig auf, die Hoffnung beginnt das Geländer, auf dem er eben noch saß, zu polieren. „Was tust du?“ „Ich erinnere dich an deinen Namen!“ Von ferne ist das leise brummen von Bulldozern zu hören, die Luft vibriert ganz schwach. „Los komm! Hilf mir, wir müssen uns beeilen.“ Auf dem Geländer kommen ganz zart Buchstaben zum Vorschein. Der Wille schaut erst etwas erstaunt, aber macht dann schnell seinem Namen ganze Ehre. Sie beginnen Fenster, Mauerstücke und andere Trümmerteile zu scheuern. Es leuchtet, nein, es strahlt, hell, klar und bezaubernd. Die Menschen aus den benachbarten Häusern schauen es sich an und sind wie gebannt von dem, was sie da sehen. Sie eilen herbei und helfen mit. Unterdes wird das wummern der Abtranzportfahrzeuge immer lauter und hässliche, schwarze Wolken türmen sich am Horizont auf. Es stinkt nach Profitgier, nach Dummheit, nach Verstümmelung des Menschenverstandes! Das was da naht ist kalt und trist!


Das zerstörte Bauwerk strahlt jetzt in den allerschönsten Farben. Buchstaben, Wörter, ja sogar ganze Sätze sind jetzt auf den Gebäudeteilen zu lesen. Die schweren Bulldozer und Bagger halten vor dem Berg an. Sie haben zwar starke Fahrzeuge, doch es sieht nach einem unüberwindbaren Hindernis aus. Es ertönt eine Lautsprecheransage: „Wir fordern sie auf, diesen Schutthaufen sofort zu verlassen. Es liegt eine Räumungsklage vor. Bei Missachtung dieser Aufforderung, muss mit körperlicher Gewalt durch die Exekutive gerechnet werden. Sie haben jetzt fünf Minuten zeit, ihren Standpunkt zu rechtfertigen.“ Eine junge Frau tritt aus der Menge, sie ist übersät mit winzigen leuchtenden Buchstaben. „Lieber gäb ich mein Leben dafür, als ohne es weiter zu leben. Sehen Sie das? Das ist unsere Geschichte, Ihre Geschichte genauso wie meine Geschichte. Vielleicht wollen Sie ihre dem Erdboden gleich machen, aber ich will dass meine wächst! Sie haben kein Recht mein Leben zu bestimmen. Sehen Sie das? Das ist unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Vielleicht wollen Sie vergessen, nicht leben und keine Zukunft haben, aber ich will das Haus in dem alle Generationen arbeiten, ich will immer neues entdecken, ich will die Kunst, ich will Freiheit, ich will leben, ich will das Theater und ihr braucht es! Und wer das noch will, der helfe mir. Und wenn ihr es dennoch vernichtet, verklage ich euch auf Massenmord und den Zwang der Menschen auf Verwahrlosung.“ Immer mehr Menschen sind jetzt dazu gekommen und beginnen das Gebäude wieder aufzubauen. So zieht sich ein glänzendes Netzt aus Menschen durch die Lande, sie polieren alle Häuser die ähnliches schaffen wie dieses.


Die Hoffnung neigt den Kopf leicht zum Willen und lächelt „Manchmal braucht es einfach jemand der die Augen wieder ein bisschen weiter öffnet. Und dafür sind wir doch Mensch, oder?“