Thema des Monats - März 2019

Dionysos im Abenteuer-Camp

 

10 Stunden Theater satt, das ist Christopher Rüpings Inszenierung  „Dionysos Stadt“ an den Münchner Kammerspielen. Wenn schon Antike, dann richtig, dachte sich der Regisseur. Und spannt den ganz großen Bogen von den ersten Menschen bis zur Einführung einer Gerichtsbarkeit, verwebt Texte von Heiner Müller, Homer, Euripides, Sophokles, Seneca und Aischylos zu einem dichten Antiken-Geflecht. Ein wenig wie bei den „Dionysien“ im antiken Griechenland, wo drei Tragödien und ein Satyrspiel gezeigt wurden. Seit Oktober kann man in den Münchner Kammerspielen also zweimal im Monat von mittags bis nachts in die Antike eintauchen. Im Februar gab es eine einmalige Nachtvorstellung. Unsere Autorin Anne Fritsch war dabei - und erlebte eine spannende Theaternacht, die den Teilnehmern einiges abverlangte, aber noch viel mehr bot.

Text & Fotos: Anne Fritsch

 

19.30 Uhr
Wir holen unsere Karten ab. Die Stimmung ist aufgeregt, gespannt. Viele haben Rucksäcke mit Proviant dabei, einige Kopfkissen. Wir gehen hinein. Wenn wir das Theater wieder verlassen, wird die Nacht vorbei sein. Komisches Gefühl.

20 Uhr
Es geht los. Nils Kahnwald eröffnet die Vorstellung mit seinem Prolog: „Guten Abend. Das ist das erste Mal, dass ich an dieser Stelle „Guten Abend" sage. Sonst ist es immer Mittag, wenn wir anfangen." Normalerweise beginnt die 10-Stunden-Vorstellung um 12 oder 13 Uhr. Normalerweise endet sie, wenn ein ganz gewöhnlicher Theaterabend endet. Heute fängt sie an, wenn ein normaler Theaterabend anfängt - und endet irgendwann gegen 6 Uhr morgens.

„Wir sollten über das Schlafen sprechen", sagt darum auch Kahnwald. Wer will, kann sich in den Pausen im Foyer hinlegen. Wer lieber wach ist, bekommt gratis Kaffee (Alkohol ist leider nicht gratis), es gibt Fingerfood und einen Food Truck im Hof. Auch tanzen kann man, die Bar wird zum Club.

22 Uhr
Erste Pause. Auf der Bühne hat Prometheus den Menschen das Feuer gebracht und wurde zur Strafe eine Ewigkeit lang an den Kaukasus gefesselt, wo ein Adler in seiner Leber hackte. Unter ihm Ödnis, nur ein paar Schafe, die ab und an ein „Mäh" von sich gaben und unmotivierte Kopulationsversuche unternahmen. Und die Warnung des Zeus: „You gave them the fire - and they will give us a war." They - das sind die Menschen, diese merkwürdigen Wesen, die sich im Stage Diving geübt haben.

Noch ist alles wie an einem ganz normalen Theaterabend, einem etwas längeren. Im Foyer werden leckere Häppchen verteilt, alle sind guter Dinge.

22.30 Uhr
Weiter geht's. Die Menschen machen, was Zeus prophezeit hat: Krieg. Den Trojanischen, um genau zu sein. Schon die Aufzählung der Schiffe und ihrer Anführer, die in diesen sinnlosen Krieg aufbrechen, dauert eine halbe Stunde. Bei ohrenbetäubendem Schlagzeug-Sound wird Troja zerstört und mit ihm die, die hier leben. Am Ende sind die Frauen übrig - und der Schmerz. Wie schön wäre es, würde die Zeit rückwärts laufen, würden die Wunden sich schließen, die Schiffe rückwärts zurück segeln und die Waffen wieder zu Metall im Gestein werden, das niemandem etwas anhaben kann. Doch das bleibt ein Traum, die Träumende, Kassandra, wird von Agamemnon als Kriegsbeute verschleppt.

1 Uhr
Große Pause. Die ersten legen sich vor den Garderoben oder auf den Bänken an der Bar zum Schlafen nieder, andere machen Yoga-Übungen, um fit zu bleiben. Im Hof gibt es leckere Falafel, viele machen Picknick, trinken Wein aus mitgebrachten Gläsern.

Die Kammerspiele sind zu einem Zuhause auf Zeit geworden. Zu einem Abenteuer-Camp. Das Publikum ist bunt gemischt, sehr viele sind sehr jung. Das Theater bleibt Theater, wird aber gleichzeitig zu etwas anderem: einer kleinen Reise in der eigenen Stadt, einer Reise in die Antike. Im Laufe dieser Nacht, die alle - Schauspieler, Mitarbeiter und Zuschauer - zusammen verbringen, wachsen alle zu einer irgendwie verschworenen Gemeinschaft zusammen.

2.15 Uhr
Dritter Teil. Matthias Pees, der Dramaturg der Produktion, steht auf der Bühne. Kein gutes Zeichen. Peter Brombacher hat nach seinem Anfangsauftritt im 2. Teil einen Schwächeanfall erlitten. Das Team ging in die Kantine, um über einen Vorstellungs-Abbruch zu beraten, da trafen sie auf Jochen Noch, Schauspieler und Direktor der Otto-Falckenberg-Schule, der gerade eine Premiere seiner Studenten feierte (das war wohl ungefähr um 24 Uhr...) Spontan erklärte er sich bereit, zu übernehmen, schlüpfte in das Agamemnon-Kostüm und hastete zum kurzen Schlussauftritt in Teil 2 auf die Bühne. Nun hat er während der Pause geprobt und übernimmt die Rolle des Agamemnon in Teil 3. Auf einmal sind alle wieder hellwach. Großer Applaus.

Jetzt also: dritter Teil. Die Orestie. Großes Blutbad im Serienformat. Klytaimnestra mordet Agamemnon, weil der ihre Tochter Iphigenie geopfert hat. Orest und Elektra morden Klytaimnestra und ihren Geliebten Aigisth, weil die ihren Vater Agamemnon gemordet haben. Am Ende braucht es einen Gott, um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen: Apollon schwebt von oben herab, beendet die Zeit der Blutrache.

4.20 Uhr
Letzte Pause. In der Bar wird getanzt, in den Gängen geschlafen. Jetzt nach Hause zu gehen, wäre absurd. Die meisten sind noch da, wenige haben aufgegeben. Wann verbringt man schon mal eine ganze Nacht in einem der schönsten Theater der Welt?

4.50 Uhr
Vierter und letzter Teil. Die Schauspieler kicken als Satyrn auf der Bühne, bis die Sonne hinter ihnen aufgeht. Die Zuschauer entspannen nach all der Gewalt, genießen den Frieden auf der Bühne. (Auch Jochen Noch genießt es sichtlich, diese überraschende Nacht mit einer Flasche Bier am Rande der Bühne zuschauend ausklingen lassen zu können.)

6 Uhr
Es ist vollbracht! Tosender und langer Applaus, alle stehen. Und das nicht nur, weil man die ganze Nacht saß. Denn das hier war nicht nur ein Event, es war großes Theater. Von Anfang bis Ende. Und ja, ein wenig applaudiert man auch sich selbst, dass man den Mut hatte, sich auf dieses Abenteuer einzulassen, dass man wach geblieben ist.

Draußen ist es noch dunkel, viele pilgern in die Kantine, wo es Kaffee und Croissants gibt. Wirklich Hunger hat wohl kaum einer nach dieser durchzechten Nacht. Trotzdem wollen alle dabei sein. Es war ein One-Night-Stand, nach dem man gerne gemeinsam frühstückt. Einer, der vielleicht sogar das Potential für eine längere Beziehung hat.

6.30 Uhr
Auf dem Heimweg zwitschern die Vögel. Hinter einigen Fenstern brennt schon Licht. Auf der Straße begegnen einem Frühaufsteher und Spätinsbettgeher. In der U-Bahn fahren die ersten zur Arbeit oder in die Berge, die letzten nach Hause. Im Briefkasten steckt bereits die Wochenendzeitung. Wir gehen ins Bett. Glücklich.