Foto: Candy Welz

Streit, Liebe und Witz

 

William Shakespeares Liebesdrama „Romeo und Julia“ hatte gerade am deutschen Nationaltheater in Weimar Premiere. Die Studentin Leonie Naujoks hat für uns eine Kritik geschrieben.

 

Premiere: 1. Februar 2020

 

Die Bühne ist leer, leichter Nebel hängt in der Luft, ringsherum um die Bühne stehen halbschräge Gitterplatten. Nur an der Rückwand gibt es eine Unterbrechung, ein Tor, welches offensteht. Ebenfalls an der Rückwand führt eine Leiter, zu einer leichten Erhöhung. Wobei der Sinn der zusätzlichen Ebene, sich nicht wirklich erschließt. Die Beleuchtung hängt tief und ist dadurch sichtbar. Ein einsames Mikro steht am rechten vorderen Bühnenrand. Das Bühnenbild von Oliver Helf ist schlicht und praktisch, wirkt fast wie in einer Fabrikhalle. Durch das Licht herrscht zu Beginn eine warme Stimmung. Die Balkonszene findet auf einer Hebebühne statt. Auf der Hebebühne thront ein steinern angemalter Pappbalkon, der bei jeder Bewegung der Julia fragil schwankt. Dies ist wie ein Sinnbild für die Liebesbeziehung der Protagonisten. Während des Kampfes wird das Tor geschlossen und die Bühne verwandelt sich in eine Arena. Das neue Bild der Arena löst ein beklemmendes Gefühl aus. Nach der Pause ist die Beleuchtung nicht mehr zu sehen. Dafür bedeckt ein riesiges weißes Tuch die Bühne. Auf dem Tuch erwachen Romeo und Julia nach ihrer ersten und letzten Liebesnacht. Als Julias Familie Julia reglos auffindet, wird das Tuch symbolhaft wie ein Leichentuch von der Bühne getragen. Das Bühnenbild besticht durch seine Klarheit und Einfachheit. Durch wenige Mittel werden verschiedenste Stimmungen und Situationen geschaffen.

 

Von der nüchternen Bühne setzt sich klar das bunte Kostümbild von Cary Gayler ab. Romeo trägt einen regenbogenfarbenen Wickelrock und wirkt dadurch wie ein Hippie. Die Diener aus dem Hause Montague tragen blaue und rosafarbene Turmfrisuren, die wie aus einem Anime erscheinen. Dazu haben sie Blumenschürzen umgebunden. Auf allen Kostümen finden sich die Bilder von Hunden wieder. Der Zuschauer fragt sich, was dies zu bedeuten hat? Stehen die Hunde sinnbildlich für den jeweiligen Charakter der Figur? Da ist zum Beispiel, Julias Mutter: sehr elegant gekleidet mit einem kleinen, echten Hund auf dem Arm. Sie wird durch einen Pudel an ihrem Kostüm symbolisiert. Die einzige Figur die keinen Hund auf ihrem Kostüm trägt, ist Julia. Ihr Kostüm erinnert an die Muster von viktorianischen Tapeten und bleibt durch seine Auffälligkeit im Gedächtnis. Die Zottelperücken, die während der Festszene, als Masken, den Protagonisten die Sicht versperren sind ein schöner Einfall. Die gerade die Hauptfiguren während ihrer ersten Begegnung vor Herausforderungen stellen. Die Kostüme, gerade der Diener, versuchen gewollt komisch zu sein und können nicht überzeugen. Die Kostüme der Mönche lassen den Zuschauer verwundert zurück. Sie tragen purpurne Gewänder und auf dem Kopf Nonnenhauben. Falls man die Mönche geschlechterneutral darstellen wollte, schlägt dies durch die klare männliche Namensnennung „Lorenzo" fehl. Das Kostüm soll wohl den komischen Charakter der Mönche unterstreichen, dass wirkt eher platt und unnötig, da die Mönche allein durch ihr Spiel ausreichend für Komik sorgen. Dagegen können die restlichen Kostüme überzeugen.

 

Schauspielerisch sind die Szenen vor allem zwischen Romeo (Nahuel Häfliger) und Julia (Rosa Falkenhagen) stark. Gerade die ersten anfänglichen Flirtversuche, der verspielte Umgang der Figuren untereinander und die Entwicklung der Figuren über das Stück sind schön zu beobachten. Auch der Vater von Julia (Bernd Lange) und seine Wandlung vom liebevollen Vater zum gewalttätigen sind spannend. Das Stück stellt vor allem eine Ensembleleistung dar.
Die Regie (Jan Neumann) und die Dramaturgie (Eva Bormann und Lisa Evers) zeigen ein durchgehendes Bild aus Konflikt und Gewalt. Dieses beginnt mit der ersten Szene, in der immer mehr Schauspieler sich immer lauter beschimpfen bis es zu Handgreiflichkeiten kommt. Natürlich bekriegen sich auch die verfeindeten Familien, selbst innerhalb der Klostermauern kommt es zu Streit. Jan Neumann zeigt in seiner Inszenierung den Umbau der Bühne. Dies unterstreicht die funktionelle Ausstattung der Bühne und lässt Raum für das Schauspiel des Ensembles. Die bereits oben beschriebene Balkonszene auf der Hebebühne wird im Schlussbild stilistisch weitergeführt. Das Schlussbild zeigt die Hauptfiguren auf einem Sockel stehend, als Sinnbild des tragischen Liebespaares. Diese Bilder passen sehr gut, weil sie mit den bekannten, symbolhaften Darstellungen spielen. Interessant ist der Mönch, der verzweifelt das Publikum nach dem verlorengegangenen Brief fragt, den er Romeo bringen sollte. Das Publikum sieht sich so mit der Frage konfrontiert, wie die Geschichte hätte enden können, wenn der Brief Romeo erreicht hätte. Die Verwendung von Jugendsprache als Witz ist eher unangenehm, als lustig. Die vulgären Späße von Mercutio sorgen für Längen und hätten durchaus gekürzt werden können.

 

Eine besondere Dynamik erfährt das Stück durch seine abwechslungsreichen Kampfchoreografien (Jan Krauter). Die Kampfszenen sorgen für Spannung und Action auf der Bühne. Vor allem die Fechtszene zwischen Mercutio, Tybalt und Romeo bleiben im Gedächtnis und sind beeindruckend.

 

Der Ton (Uwe Kohlhaas und Matthias Neumann) trägt entscheidend zu den verschiedenen Stimmungen bei. So wird die Dramatik in der Gruftszene durch das Ticken einer Uhr unterstrichen. Dadurch wird der Faktor Zeit in der Tragödie hervorgehoben. Würde Romeo später kommen oder Julia früher aufwachen, könnte die Geschichte anders ausgehen. Der Gesang von Graf Paris (Bastian Heidenreich) geht dem Zuschauer unter die Haut und sorgt für eine ergreifende Stimmung.

 

„Romeo und Julia" inszeniert von Jan Neumann, am Deutschen Nationaltheater in Weimar, ist ein Theaterabend dessen Besuch sich lohnt. Man muss sicher nicht mit allen Regieentscheidungen einverstanden sein. Insgesamt aber erwartet den Besucher eine Inszenierung die überzeugen kann, durch die Konzentration auf das Spiel der Schauspieler, durch Komik, die gerade zu Beginn den Einstieg ins Stück erleichtert, und durch die spannenden Kampfszenen.

 

Leonie Naujoks, die Autorin dieses Beitrags, studiert in Jena. Geschichte und Erziehungswissenschaft. Im Jahr 2019 nahm sie am Nationaltheater Weimar am Projekt „Woyzeck" teil.

 

 

 

 

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Foto: Marco Prill

Erinnerungsfäden

 

Am Theater Junge Generation Dresden begeistert die Uraufführung des Jugendstoffes „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß".

 

Premiere: 25. Januar 2020

 

Von Tobais Prüwer

 

Eine Zeit, die lange her zu sein scheint, sehr lange her. Wer denn würde heute wegen pinkfarbener Haare bedroht? Wer muss um sein Leben fürchten, weil er die falsche Musik hört oder darauf besteht, seine Freunde selbst auszusuchen? Mimi hat sie erlebt, diese Zeit. Die heute erwachsene Frau erzählt ganz plastisch, wie sie in der Deutschen Demokratischen Republik groß wurde, wie sich für sie und ihre Familie der Mauerfall anfühlte und was danach kam: Neonazis bedrohten sie und ihre Freunde. Weil sie pinke Haare hatte, die falsche Musik hörten und eine Clique waren.
Mimis Erinnerungen enthält das Jugendbuch „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß", dessen Uraufführung (Regie: Nils Zapfe) sich das Theater junge Generation in Dresden sicherte. Darin verarbeitet die Autorin Manja Präkels ihre eigenen Erfahrungen aus der brandenburgischen Kleinstadt Zehdenick. Hier wächst auch Mimi auf, die 1974 geboren wird, also zu DDR-Zeiten. Sie erzählt von der Pionierorganisation, die ihre Mutterorganisiert. Die ist Lehrerin und glaubt an das sich sozialistisch nennende System. Der Vater leitet eine staatliche Verkaufsstelle. Behütet klingt die Kindheit in der Erzählung. Eine erste Freundschaft entsteht zu dem etwas älteren Oliver, den Mimi an der Havel beim Angeln trifft. In der Schule gibt‘s manchmal Ärger oder Klassenkeile - Mimi findet das aber normal. Alle Normalität endet, als die Mauer fällt.


Dieser erste Teil der Erinnerungen illustriert die Inszenierung, indem Mimi auf der Bühne weiße Stoffbahnen zusammensucht. Sie hängt diese im sonst leeren Raum auf, spannt und verknotet sie. Mimi wird von vier Darstellerinnen gespielt, die schwarze Hosen und schwarze Blousons tragen. Um Schwarz-und-Weiß-Denken dreht sich auch Vieles, von dem Mimi berichtet. Die Spielerinnen sprechen mal abwechselnd, mal gemeinsam im Chor, während sie die Stoffbahnen prüfen und verknüpfen. Diese symbolisieren ihre Erinnerungsfetzen, die Mimi zur Erzählung verbindet.
Beim Mauerfall und dem Trauma der Wendezeit angekommen, löst Mimi alle Knoten, räumt die Bühne auf. Der nun schwarze Raum spiegelt, wie das Weltbild vieler DDR-Bürger wankt, sich das sichere staatliche Versorgungsnetz auflöst. Er ist das Nichts, vor dem sich viele stehen sehen. Dieses steht auch für die Neonazis, ihre Springerstiefel und Bomberjacken und das Schwarz der SS-Uniform, mit der einer von ihnen durch die Straßen stolziert. Mimi und ihre Freunde können deren Gewalt wenig entgegensetzen, die tödlich endet. Die schwarze Leere symbolisiert auch, dass sie auf sich gestellt sind. Denn selbst die Polizei lässt Mimi bei einem rechten Angriff im Stich. Von den Eltern hören sie nur: „Ihr dürft halt nicht immer provozieren!" Als ob bunte Haare eine Ausrede dafür sind, verdroschen zu werden.
Und das auch noch von ehemaligen Mitschülern und Freunden. So verwandelt sich Oliver vom angelnden Kumpel in einen Neonazianführer verwandelt und Hitler genannt wird. Mit ihm hat Mimi einst jene Schnapskirschen gegessen, die der Titel erwähnt. Die traumatischen Erlebnisse, die Gewaltorgien werden drastisch erzählt, aber nicht ausagiert mal als eine Art zappeliger Reigen, wie eine Revue, bei der eine Erzählerin Tanzeinlagen beimengt.


Bittere Erfahrungen kommen schwungvoll auf die Bühne, der Abend ist auch ein Erlebnis. Darum findet sich auch allerlei Humor, zum Beispiel wenn ein damalige Bundeskanzler namens Helmut Kohl wie mit Knödeln im Mund Versprechungen vom Wirtschaftswunder macht. „Die Menschen sollen sich keine Saumägen machen, ähm ich meine Sorgen." (Saumagen war Kohls Lieblingsspeise.) Es wird kurz getanzt, rumgezappelt und seltsame Figuren mit roten Fransenmasken treten auf. Hier ist viel Spiel dabei, damit das Stück für ein Publikum ab 14 Jahren nicht zum langweiligen Textaufsagen wird. Diese häufige Gefahr, wenn ein Roman auf die Bühne kommt, ist dadurch gebannt. Diese Buchumsetzung ist durch die vielen erzeugten Bilder gelungen. Ab Mitte der Inszenierung übernehmen die Darstellerinnen Rollen in kleinen Spieleinlagen. Auf diese Weise wird die Darstellung szenischer, werden Dialoge lebendig. Das wird die zum ersten Mal verknallte Mitschülerin augenklimpernd und schmachtend gezeigt. Haben die Macker in der Disko „Sackratten", kratzen sie sich im Schritt.


Dieses Illustrieren zieht das ernste Thema der Inszenierung nicht ins Lächerliche. Man leidet mit Mimi. Der Abend funktioniert auch für Jüngere, weil sie nicht jede historische Anspielung kennen müssen, um trotzdem ein Grundgefühl für die damalige Situation zu bekommen. Mimi findet ihre Rettung, indem sie nach Berlin. Ist das lange Zeit her? Gibt es Parallelen zu Heute? Solche zu entdecken oder auch nicht, bleibt Aufgabe des Publikums. Und das könnte die starke Inszenierung auch als Warnung verstehen.