Foto: Dirk Burghaus

Zwischen Masken und Mythologie

 

Seit dem 7. Juni zeigt das Lutz Hagen bis zum Ende der Spielzeit wieder Stücke aller Art. Dazu zählt auch „TransformMates", das am 14.06.2020 Premiere feierte.


Von Xenia Joyce Ilge

 

Beim Einlass gibt es wegen der Corona-Pandemie eine kleine Veränderung: Man wird nämlich zu seinem jeweiligen Platz begleitet und dort darf man dann seine Schutzmaske abnehmen. Von dort aus kann man bereits die drei Hauptcharaktere Luis, der Krieger (gespielt von Micha Baum), Nele, die Heilerin (gespielt von Anne Schröder) und Sam, das magische Wesen (gespielt von Tatiana Feldmann) beobachten. Sie alle sind auf der Bühne verteilt und spielen mit einer kleinen Feder. Sobald die Zuschauer ihren Platz eingenommen haben, ziehen sich Nele, Sam und Luis ihre Masken auf, das Licht geht an, und das Stück beginnt mit einer farbenfrohen Choreografie. Die drei 13-Jährigen „Freaks" wie sie sich selbst nennen, haben sich vor einiger Zeit in dem vergessenen Theaterraum ihrer Schule kennengelernt, um nun ihrer gemeinsamen Leidenschaft, dem Videospielen, nachzugehen. Gemeinsam kämpfen sie gegen den Minotaurus in dem digitalen Adventure Game „TransformMates".


Dieses basiert auf der Sage des sagenumwoben Ikarus, der auf seine Freiheit pocht. Die drei verwandeln sich in den Avatar Ikarus und versuchen gemeinsam mit ihm, die Freiheit zu erlangen. Außerhalb dieses Spiels haben die drei anfangs noch nicht sonderlich viel miteinander zu tun, doch nach und nach werden sie zu richtig guten Freunden, die sich alles erzählen. Über die schlagfertige und selbstbewusste Sam erfährt man durch eine Art Videotagebuch, dass sie gerne eine Koralle wäre. Sie erzählt, dass sie als einziges Mädchen unter ihren vier Brüdern aufgewachsen ist und sich daher auch eher wie ein Junge verhält, genau wie in der Sage der Iphis, welche auch aus der griechischen Mythologie stammt. Luis, der sonst sehr von sich überzeugte und ein wenig eingebildete Krieger, erzählt in einem fast schon schüchternen Ton, dass er seinen Vater kennenlernen will, denn dieser, ein Politiker, hat ihn und seine Mutter sitzen lassen und zahlt seiner Mutter nun ein monatliches „Schweigegeld". Damit will er sich jedoch nicht zufriedengeben. Auch in diesem Fall findet Nele eine Parallele zwischen dem wahren Leben und der Mythologie, denn genau wie Luis will auch Phaeton seinen Vater kennenlernen. Nun erzählt auch die sonst sehr pfiffige Nele ihren Freunden was sie bedrückt, denn in ihrem Fall zeigt sie selbst eine Parallele zwischen ihrem Leben und der Sage Io. Nele lebt unter den wachsamen Augen ihrer strengen Mutter. Diese verlangt von ihr das sie eine perfekte, mittelmäßige Tochter sein soll, doch das fällt ihr schwer und nun will ihre Mutter auch noch mit ihr wegziehen. An dieser Stelle hatte ich Probleme dem Stück zu folgen, da man hier keine Parallele zwischen Neles Problem und dem von Io erkennen kann. Als sie nun bemerken, dass sie alle Probleme mit sich herum Tragen und jeder für sich versucht aus seinem ganz eignen Labyrinth herausfinden, wollen sie gemeinsam wie in ihrem vorigen Videospiel eine Lösung finden. Mithilfe ihrer besonderen Kräfte als Heilerin, Krieger und als magisches Wesen. Sie bemerken jedoch bald, dass sie ihre Probleme so nicht lösen können und feiern stattdessen eine Tanzparty mit ihren Freunden, die Sam schon lange geplant hat.


So endet das Stück genau wie es angefangen hat, mit einer bunten Tanzeinlage. Ich finde es ein wenig schade, dass das Stück doch recht abrupt geendet hat und die drei ihre eigenen Probleme doch nicht wirklich lösen konnten. Aber so hat es auch aufgezeigt, dass man nicht wirklich etwas gegen die Realität tun kann, außer den Moment mit seinen Liebsten zu genießen und das besten als „Freak" dort rauszumachen. Die Masken der drei Darsteller waren meiner Meinung nach kein Störfaktor, sie haben viel mehr noch eine viel futuristische Atmosphäre geschaffen. Man hat die drei Darsteller jedoch an manchen Stellen ein wenig schlecht verstanden. Gut umgesetzt finde ich, dass das Bühnenbild aus verschiebbaren Traversen besteht und die drei sich ihre eigene Analoge als auch reale Welt selbst zusammenstellen können. Somit kommt sehr viel Bewegung in das Stück. Außerdem schafft, das Videotagebuch von Sam und das zusammen Spiel der vielen Lichter, der Musik und dem ständigen Kostümwechsel, über das ganze Stück hinweg eine überaus technische Atmosphäre. Meiner Ansicht nach hat Anja Schöne, Regisseuren des Lutz, aus den Werken Ovids Metamorphosen, ein aktuelles und zeitgemäßes Abenteuer kreiert. Wobei Parallelen zwischen der harten Realität und analogen Welt geschaffen werden. Dieses fantastische Stück sollte sowohl leidenschaftliche Gamer als auch nicht Gamer gefallen, denn wir alle suchen doch diesen einen Ort wo wir der Wirklichkeit und unseren Probleme entfliehen und einfach nochmal Kind sein können.


Xenia Joyce Ilge ist 16 Jahre alt und mit sehr viel Freude im Theaterclub im Stadttheater Hagen tätig. Für Schauspiel und Theater interessiert sie sich aber schon viel länger. Bereits als kleines Kind wollte sie Schauspielern werden und mehr über Theater und allem, was dazu gehört, erfahren.

 

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Foto: Schlosstheater Moers

Albert Camus mit Sicherheitsabstand

 

"Die Pest" am Schlosstheater Moers


Gestreamt am: 25.04.2020
Premiere: 19. September 2019
Theater: Schlosstheater Moers
Regie: Ulrich Greb
Stream verfügbar auf der Website des Schlosstheaters unter https://www.schlosstheater-moers.de/?produktion=die-pest-von-albert-camus

 

Von Sophie Vondung


"Aufgrund der Aktualität und der großen Nachfrage ist die visuelle Lesung nun permanent zum Anschauen verfügbar", heißt es auf der Website des Schlosstheaters Moers. Es geht um deren Stück "Die Pest" nach Albert Camus. Und tatsächlich könnte dieses Werk momentan aktueller nicht sein. Aber nicht nur deswegen lohnt es sich, den Stream des Schlosstheaters anzusehen.


Die Inszenierung des Stücks fand im September letzten Jahres statt und war eigentlich als Kommentar zur zunehmenden Abschottung Europas gedacht. In der aktuellen Situation muss man gar nicht so weit denken, um in Camus' Roman Parallelen zu unserer Lebensrealität heute zu finden. So erinnert in dieser visuellen Lesung fast jeder zweite Satz an Corona und seine Auswirkungen. "Ein Kranker ist hier sehr allein", rezitiert Schauspieler Frank Wickermann etwa Camus und lässt an social distancing und seine Folgen denken.


Sicherheitsabstand wird auch hier in der Inszenierung gewahrt. Denn die Schauspieler haben sich an die neue Situation angepasst und spielen das Stück in knapp 50 Minuten ohne Publikum und ohne Interaktion. Die sechs Männer und Frauen sitzen auf brauen Plastikstühlen inmitten eines Quarantäne-Zelts. Zwischen ihnen bleiben jeweils mehrere Stühle frei. Sie bewegen sich nicht und sprechen ausschließlich in die Kameras, die vor ihnen aufgebaut sind. Dabei rezitieren sie ausgewählte Passagen aus Camus' „Pest". Ein szenisches Element gibt es nur einmal, als die Schauspieler ganz am Anfang das Zelt betreten. In weißen Krankenschwester-Kitteln und Springerstiefeln treten sie nacheinander an einen imaginären Desinfektionsmittelspender. Den bedienen sie mit den Ellenbogen und reiben sich Unterarme und Hände ein. Dabei tragen sie Rattenköpfe aus Gummi. Sie ziehen sich schwarze Plastikhandschuhe an. Dann setzen sie sich und die Lesung beginnt. „Wir bedauern, dass wir nichts wirklich aufsehenerregendes berichten können", rezitiert einer der Schauspieler. „Nichts ist weniger aufsehenerregend als eine Seuche. Und schon durch ihre Dauer sind große Unglücke eintönig."


Die Corona-Parallelen häufen sich also auch weiterhin. Da ist der Arzt Rieux, der fieberhaft nach einem Serum gegen die Pest sucht. Die Zahl der neu Infizierten steigt unterdessen exponentiell an. „Wir schaffen das!", versucht die eine Mut zu machen, während andere kritisieren: „Die Maßnahmen sind unzureichend." Da ist es manchmal schwer zu glauben, dass dieser Text 1947 erschienen ist und das gleichnamige Stück am Moerser Schlosstheater bereits vor einem Jahr Premiere feierte. Während die einen Bewohner von Oran ihr Leben an die Einkerkerung a.k.a. Quarantäne anpassen, will Journalist Rambert einfach nur noch weg aus der befallenen Stadt. Und obwohl die Bewohner vorläufige Siege im Kampf gegen die Pest feiern, beherrschen Trennung, Exil, Angst und Auflehnung die Stimmung in der Stadt.


Wie das Stück hätte sein sollen, zeigen eingeblendete Fotos und Videos von der damaligen Inszenierung mit Publikum. Die überlagern hier und da die visuelle Lesung. Die blutüberströmten Ratten-Krankenschwestern tragen in den Videoausschnitten haufenweise Leichen davon und übergeben einige davon in die Arme einzelner Zuschauer. Die sitzen hier noch dicht an dicht auf den Stühlen. All das ist jetzt nicht mehr möglich. Stattdessen wirkt die neue Version des Stücks beinahe trostlos im Kontrast zum interaktiven Spiel mit den Zuschauern. Der hoffnungsvolle Optimismus im Blick von Elisa Reining, die in der Rolle des Rieux von Swing untermalt in die Kamera sagt „Wir werden neu anfangen", gewinnt damit eine zweite Ebene.

 

Am optimistisch stimmenden Ende entlädt sich schließlich das angestaute Leben in Freudenfesten der Stadtbewohner. Der Stream ist eine gelungene Mischung aus Stück und Lesung. Auch wenn die visuelle Lesung sich zeitweise eher anfühlt sich wie Hörbuch Hören als wie ein Theaterbesuch, kann die Anpassung des Stücks an seinen neuen, digitalen Lebensraum als gelungen bezeichnet werden.

 

 

 

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Foto: Nilz Böhme

Übertrieben, realistisch oder beides?

 

Im Theater Magdeburg wird auf den Schultischen getanzt, oder doch nicht? Lustig und humorvoll, aber letztendlich ernst und ergreifend, voll aussagekräftiger Fakten in Form von überspitzten Klischees. So inszeniert die Regisseurin Grit Lukas das Jugendstück von Tina Müller: „Falk oder Der süße Gedanke vom Aufstehen und Gehen“.

 

Premiere: 21. Februar 2020

 

Von Cleo Maier

 

 

Wir leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft und alle, die schon einmal in der Schule waren, können das nicht leugnen. Wie auch, wenn die größte Veränderung, die unser deutsches Schulsystem in den letzten 300 Jahren durchgemacht hat, der Übergang vom Stände- zum Leistungssystem ist. Kein Wunder, dass die Zeugnis- bzw. Notenvergabe da einer Gerichtsverhandlung gleicht oder Schüler*innen anstatt wissensdurstig sein zu dürfen, sich mit Wissen vollsaugen müssen, bewertet werden und es wieder auskotzen. Ein stumpfer Kreislauf, der den Schüler*innen nichts außer schlaflosen Nächten, unrealistischen Vorstellungen des wirklichen Arbeitslebens und die völlige Ausrottung von Hobbys, Privatleben und jeglicher Individualität bringt. Muss sich da nicht zwangsläufig die Frage stellen: Wo ist der Sinn?

 

Tina Müller, Autorin preisgekrönter Jugendstücke, hat sich diese Frage gestellt. Inszeniert von Grit Lukas sehen wir in „Falk oder Der süße Gedanke vom Aufstehen und Gehen", die Schüler*innen Isa, Henri und Sonntag, gespielt von Isabell Will, Valentin Kleinschmidt und Frederik F. Günther, die Geschichte des Jugendlichen Falk erzählen. Falk ist anders, oder um es mit den Worten seiner Eltern auszudrücken: BESONDERS. Ihm fällt das Anpassen nicht leicht. Er erkennt keinen Sinn im monotonen Auswendiglernen von Fakten und es fällt ihm dementsprechend schwer, die von ihm erforderte Leistung zu bringen. Gut, Falk ist also besonders, aber da ist er ja nicht der einzige auf der Welt. Was also macht dieses Stück besonders? Nicht nur die (besonders) phänomenalen Dialoge, nicht nur die (besonders) großartigen schauspielerischen Leistungen, nicht nur das (besonders) wandelbare und kreative Bühnenbild und nicht mal nur die (besonders) gute, schon fantastische Inszenierung von Grit Lukas. Das Besondere an „Falk oder Der süße Gedanke vom Aufstehen und Gehen" ist, dass Falk nicht ein einziges Mal in Erscheinung tritt. Die Geschichte von Falk wird ausschließlich von Isa, Henri und Sonntag erzählt. Durch sie erfahren die Zuschauer, dass Falk gerade mit ihnen in der Mathe-Abiturprüfung sitzt und kurz davor ist aufzustehen und sein Abi sausen zu lassen. In einem turbulenten Hin und Her durch Diskussionen, Zeitsprünge und Rollenwechsel geben sie uns einen Einblick in Falks Vergangenheit. Die drei Schauspieler*innen stellen alle Personen und sogar abwechselnd Falk selbst dar. Das Springen von Rolle zu Rolle ist dabei sehr klar und intelligent gelöst. Eine beeindruckende szenische, dramaturgische und schauspielerische Leistung.

 

Das Bühnenbild besteht aus einem recht einfachen Gerüst, an dem Tafeln verschiedenster Form und Größe angebracht sind. Eine erhöhte Fläche aus unterschiedlich hohen, mit Tafeln versehenen Podesten macht die Bühnenlandschaft umso interessanter. Gekrönt wird die kleine Welt aus Tafeln von vier Stühlen. Die Schauspieler*innen tragen dabei Jeans und einfarbige bordeaux farbene T-Shirts. Klingt langweilig? Das ändert sich jedoch schnell, sobald die Tafeln sich in Gebäude, Gegenstände und sogar Körper verwandeln, bis Schauspieler*innen von Podest zu Podest turnen, sich am Gerüst entlanghangeln, Kreide immer wieder wie aus dem Nichts hervorzaubern und Lichtwechsel, Musikeinspielungen und Nebel das Publikum in ihren Bann ziehen. Ganz bewusst harmoniert Kostüm und Bühnenbild von Lena Hiebel mit Geschichte, Situationskomik, Atmosphäre, Kontext und Turbulenz des Stückes.

 

Genauso gut platziert ist der Einsatz ästhetischer Mittel: Wiederholungen, Bewegung, kleine Choreographien und Rhythmen zwingen alle Zuschauenden zur Faszination. Doch nicht nur hier herrscht ein kreatives Lauffeuer: In Form von Zeitsprüngen und Rollenwechseln springen die Schauspieler*innen nur so von Charakter zu Charakter. Dadurch wird so eine Absurdität aufgebaut, die, vermischt mit unzähligen Überspitzungen, Klischees, Wortspielen und Witzen, nicht anders zu beschreiben ist als eine kreative Explosion, die das Zuschauen zu einem einzigartigen Erlebnis macht.

 

Aber trotz all des Humors, das Thema, das Problem bleibt real. Zwar sind Charaktere und Szenen überspitzt, aber die grundlegenden Situationen sind in ihrer Form alltäglich, genauso wie die auf übertriebene Weise vorgetragenen Phrasen doch viel zu oft im Alltag verwendet werden. Und das Stück konfrontiert. Es beschäftigt sich umfassend und ausgiebig mit allen Facetten des deutschen Schulsystems. Gute, ausgeglichene und breitgefächerte Argumente aller Parteien werden dargestellt.

 

Fazit: das Stück ist lustig, humorvoll und tiefgründig. Die schauspielerische Leistung hat ein unglaubliches Niveau und begeistert in jeder Sekunde, so dass die 70 Minuten wie im Flug vergehen. Alles in allem hat Grit Lukas eine Inszenierung geschaffen, die jeden Zuschauenden, auch jenseits des Jugendalters, berühren wird. Trotzdem sollten sich Lehrer, Eltern und Schüler, wenn sie das Stück besuchen, es nicht zu persönlich nehmen. Es werden nun eben Stereotype dargestellt und jede*r Lehrer*in, Schüler*in oder jedes Elternteil ist anders. Es reicht schon nachzudenken und anzufangen sich selbst zu hinterfragen. Denn „Falk" ist vielleicht übertrieben, aber auch realistisch. Oder vielleicht auch einfach übertrieben realistisch.

 

Mehr Infos zum Stück

 

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Zeichnung: Magdalena Gräslund

Das einende menschliche Band

 

Am Theater an der Parkaue in Berlin hatte gerade "Iphigenie" in der Regie von Nora Bussenius von Premiere. Unsere Nachwuchs-Autorin Magdalena Gräslund hat nicht nur über die Inszenierung geschrieben, sondern gleich auch noch einige Zeichnungen dazu geliefert, die wir euch hier statt des üblichen Inszenierungsfotos präsentieren.


Premiere: 19. Feburar 2020

 

Angesichts der Tatsache, dass lediglich 23 Prozent der Google-Nutzer die Lektüre Goethes Iphigenie auf Tauris gefallen hat, stellt sich die Frage, wieso wir immer noch Iphigenie inszenieren sollten. Was können wir noch von der makellosen Güte der entführten Priesterin lernen, die so schmerzlich an das Menschliche appelliert? Was ist überhaupt menschlich? Wie lässt sich der Allgemeinplatz des Menschlichen noch heute in einer pluralistischen Gesellschaft behaupten? Und allen voran: Wie können wir überhaupt etwas universal Menschliches jenseits von eurozentristischen Vorstellungen feststellen und uns so von unserer Vergangenheit lösen? Diesen Fragen versucht die Inszenierung unter Regie von Nora Bussenius am Theater an der Parkaue Berlin nachzugehen. 

 

Auf einem sich drehenden Kubus aus Holz und Glas sitzt Iphigenie (Klara Pfeiffer) und wartet. Eine Leinwand, auf die ein Bild vom Nachthimmel des Weltalls projiziert wird, trennt die Bühne vom Zuschauerraum, der sich allmählich füllt. Vor der Leinwand liegen Berge von Müll, ein stummer Vorwurf über die Verschmutzung des Mittelmeers und die Verantwortungslosigkeit des einzelnen Menschen.  Links ein barockes Tischchen, auf dem die Büste des Dichters und Denkers thront. Dass Goethe das Geschehen des Abends im Auge behalten wird, klärt bereits in den ersten Sekunden über das hierarchische Verhältnis von Text und Spiel auf.

Hinter dem Vorhang wechselt Iphigenie, von Scheinwerfern beleuchtet, unruhig die Körperhaltung. Als das Licht im Saal ausgeht, verschwindet sie schnell im Glaskasten, der nun vom kalten Licht der Neon-Röhren und weißem Rauch erfüllt ist. Die Spiegelung des Lichts zieht sich gleich einem Spiegelkabinett bis ins Unendliche. Iphigenie ist auf ihrer hölzern-gläsernen Insel gefangen. Ebenso gefangen bleibt die Inszenierung im Werk Goethes. Die Handlung wird in fünf Akten wiedergegeben, ohne sich groß vom Original loslösen zu wollen: Iphigenie wird, von der Göttin Diane vor ihrem Tod gerettet, auf die Insel Tauris gebracht. Nun bekommt sie von Arkas (Hanni Lorenz), dem Berater des Königs Thoas (Florian Pabst) zu hören, dass der Herrscher von Tauris sie heiraten will. Auf Iphigenies Absage hin zwingt Thoas sie, ihrer priesterlichen Aufgabe, der Opferung von zwei fremden Gefangenen, wieder nachzugehen. Es stellt sich heraus, dass es sich hierbei um Iphigenies Bruder Orest (Friedrich Richter) und seinen Freund Pylades (Filip Grujic) handelt, der ihr vom Mord an ihrem Vater und ihrer Mutter berichtet. Von der Botschaft mitgenommen entfacht das Wiedertreffen mit Orest jedoch neuen Mut in Iphigenie. Sie will von Tauris zu ihrer Familie zurückkehren und den Familenbann brechen. Bis auf kurze Interventionen, in denen Klara Pfeiffer aus dem kleinen gelben Reclam-Heft vorliest, oder Orest, der wie ein Showmaster im Müll herumspielt, bleibt es jedoch nur bei einem Versuch, Goethes Texte besonders aussagekräftig zu bebildern.

 

Dabei sind gerade die körperlichen Szenen, wie der erste Auftritt Orests und Pylades, in der das gesprochene Wort in den Hintergrund tritt, die wirkungsmächtigsten. Auf hohen Holzgerüsten hereingeschoben, bewegen sich ihre nackten Körper gleich antiken Skulpturen voller Schmerz, mal fallen sie krachend auf das Gerüst, mal strecken sie sich. Dann schließlich liegen sie einander in den Armen. Ihre Körper beschreiben dringlich die Qual und die Sehnsucht nach menschlicher Nähe. Leider wird diese hochemotionale Körperlichkeit meist von der streng rationalen Wiedergabe des Textes gebremst.

 

So sehr die Einheit der fünf Akte Goethes ernstgenommen wird, so uneinheitlich ist das Spiel der Schauspielerinnen und Schauspieler: Arkas wird von Hanni Lorenz als Roboter mit aufgesetztem Lächeln und zackigen Bewegungen verkörpert, der sich hin und wieder aufhängt. Während Friedrich Richter als Orest zwar wie die anderen Schauspielerinnen und Schauspieler dem strengen Versmaß große Beachtung schenkt, spricht er weniger schwermütig, seine Bewegungen sind impulsiver. Klara Pfeiffer muss sich hingegen krampfhaft an der klagenden und teilweise geschwollenen Sprache Goethes abarbeiten. Dann kurz: ein alltagssprachlicher Einschub, ein Pylades, der Iphigenie „Iphi“ nennt.

 

Ebenso wenig lässt sich ein einheitlicher Stil im Bühnenbild erkennen: Der minimalistische Glaskasten steht im Widerspruch zur Hülle und Fülle an Requisiten, die manches Mal sehr plakativ die Handlung bebildern. So wird beispielweise Pylades in eine Zwangsjacke gesteckt oder der gläserne Kubus in Absperrband gewickelt und mit weißer Farbe beschmiert, nachdem Iphigenie ihre Flucht beschlossen hat. Und auch die Flut an atonalen Soundinstallationen, die sich mit Liedern wie „What a wonderful world“ abwechseln, scheint nahezu willkürlich zusammengewürfelt. Vielleicht entfernt sich Regisseurin Nora Bussenius mit diesen Entscheidungen am weitesten vom Ideal der Weimarer Klassik: Dem schlichten und doch imposant monumentalen antiken Bühnenbild, wie es Goethe vorgesehen hatte, wird hier eine Materialschlacht aus Plastik, Glas, Holz und viel Gold entgegengesetzt.    

Die Vorstellung Goethes, ein universales Kunstwerk zu schaffen, das sich jeglichem geschichtlichen und geografischen Kontext entzieht, klebt noch immer an der textlastigen und statischen Inszenierung. Dabei ist es doch allerhöchste Zeit, die Jahrhunderte alte Sichtweise vom Europa als Mittelpunkt der Welt und Ursprung aller Kultur aufzulösen und den Inszenierungsformen anderer Kulturen Einlass zu gebieten. Dieser Abend verbleibt hingegen im Schatten europäischer Dramatik. Und doch, trotz konventioneller Entscheidungen öffnet sich so mancher Assoziationsraum. Iphigenie, die am Ende des Abends allein auf der Bühne steht und versucht, den sie umgebenden Müll in schwarze Plastiktüten einzusammeln, erinnert mit einem Mal an den Plogging-Trend: Eine aus Schweden stammende Sportart, die Joggen mit dem Einsammeln vom Müll vereint. So ist auch vielleicht dies die zeitloseste aller Vorstellungen der Weimarer Klassik, die universalen Charakter besitzt: dass jede und jeder Einzelne für die eigene Umwelt und das gute Miteinander verantwortlich ist. Dafür arbeiten muss. Und im Gegenzug etwas bekommt. Der verantwortungsvolle Mensch wird Teil dieses menschlichen Bandes, das sich von Vergangenheit über die Gegenwart bis hin in die Zukunft zieht. In einer Zeit, in der wir oftmals vor der Frage stehen, wo wir bei all den Kriegen und Umweltkrisen anfangen sollen, können wir uns diesen Appell sehr wohl zu Herzen nehmen.  

 

Alle Zeichnungen: Magadalena Gräslund

 

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Foto: Candy Welz

Streit, Liebe und Witz

 

William Shakespeares Liebesdrama „Romeo und Julia“ hatte gerade am deutschen Nationaltheater in Weimar Premiere. Die Studentin Leonie Naujoks hat für uns eine Kritik geschrieben.

 

Premiere: 1. Februar 2020

 

Die Bühne ist leer, leichter Nebel hängt in der Luft, ringsherum um die Bühne stehen halbschräge Gitterplatten. Nur an der Rückwand gibt es eine Unterbrechung, ein Tor, welches offensteht. Ebenfalls an der Rückwand führt eine Leiter, zu einer leichten Erhöhung. Wobei der Sinn der zusätzlichen Ebene, sich nicht wirklich erschließt. Die Beleuchtung hängt tief und ist dadurch sichtbar. Ein einsames Mikro steht am rechten vorderen Bühnenrand. Das Bühnenbild von Oliver Helf ist schlicht und praktisch, wirkt fast wie in einer Fabrikhalle. Durch das Licht herrscht zu Beginn eine warme Stimmung. Die Balkonszene findet auf einer Hebebühne statt. Auf der Hebebühne thront ein steinern angemalter Pappbalkon, der bei jeder Bewegung der Julia fragil schwankt. Dies ist wie ein Sinnbild für die Liebesbeziehung der Protagonisten. Während des Kampfes wird das Tor geschlossen und die Bühne verwandelt sich in eine Arena. Das neue Bild der Arena löst ein beklemmendes Gefühl aus. Nach der Pause ist die Beleuchtung nicht mehr zu sehen. Dafür bedeckt ein riesiges weißes Tuch die Bühne. Auf dem Tuch erwachen Romeo und Julia nach ihrer ersten und letzten Liebesnacht. Als Julias Familie Julia reglos auffindet, wird das Tuch symbolhaft wie ein Leichentuch von der Bühne getragen. Das Bühnenbild besticht durch seine Klarheit und Einfachheit. Durch wenige Mittel werden verschiedenste Stimmungen und Situationen geschaffen.

 

Von der nüchternen Bühne setzt sich klar das bunte Kostümbild von Cary Gayler ab. Romeo trägt einen regenbogenfarbenen Wickelrock und wirkt dadurch wie ein Hippie. Die Diener aus dem Hause Montague tragen blaue und rosafarbene Turmfrisuren, die wie aus einem Anime erscheinen. Dazu haben sie Blumenschürzen umgebunden. Auf allen Kostümen finden sich die Bilder von Hunden wieder. Der Zuschauer fragt sich, was dies zu bedeuten hat? Stehen die Hunde sinnbildlich für den jeweiligen Charakter der Figur? Da ist zum Beispiel, Julias Mutter: sehr elegant gekleidet mit einem kleinen, echten Hund auf dem Arm. Sie wird durch einen Pudel an ihrem Kostüm symbolisiert. Die einzige Figur die keinen Hund auf ihrem Kostüm trägt, ist Julia. Ihr Kostüm erinnert an die Muster von viktorianischen Tapeten und bleibt durch seine Auffälligkeit im Gedächtnis. Die Zottelperücken, die während der Festszene, als Masken, den Protagonisten die Sicht versperren sind ein schöner Einfall. Die gerade die Hauptfiguren während ihrer ersten Begegnung vor Herausforderungen stellen. Die Kostüme, gerade der Diener, versuchen gewollt komisch zu sein und können nicht überzeugen. Die Kostüme der Mönche lassen den Zuschauer verwundert zurück. Sie tragen purpurne Gewänder und auf dem Kopf Nonnenhauben. Falls man die Mönche geschlechterneutral darstellen wollte, schlägt dies durch die klare männliche Namensnennung „Lorenzo" fehl. Das Kostüm soll wohl den komischen Charakter der Mönche unterstreichen, dass wirkt eher platt und unnötig, da die Mönche allein durch ihr Spiel ausreichend für Komik sorgen. Dagegen können die restlichen Kostüme überzeugen.

 

Schauspielerisch sind die Szenen vor allem zwischen Romeo (Nahuel Häfliger) und Julia (Rosa Falkenhagen) stark. Gerade die ersten anfänglichen Flirtversuche, der verspielte Umgang der Figuren untereinander und die Entwicklung der Figuren über das Stück sind schön zu beobachten. Auch der Vater von Julia (Bernd Lange) und seine Wandlung vom liebevollen Vater zum gewalttätigen sind spannend. Das Stück stellt vor allem eine Ensembleleistung dar.
Die Regie (Jan Neumann) und die Dramaturgie (Eva Bormann und Lisa Evers) zeigen ein durchgehendes Bild aus Konflikt und Gewalt. Dieses beginnt mit der ersten Szene, in der immer mehr Schauspieler sich immer lauter beschimpfen bis es zu Handgreiflichkeiten kommt. Natürlich bekriegen sich auch die verfeindeten Familien, selbst innerhalb der Klostermauern kommt es zu Streit. Jan Neumann zeigt in seiner Inszenierung den Umbau der Bühne. Dies unterstreicht die funktionelle Ausstattung der Bühne und lässt Raum für das Schauspiel des Ensembles. Die bereits oben beschriebene Balkonszene auf der Hebebühne wird im Schlussbild stilistisch weitergeführt. Das Schlussbild zeigt die Hauptfiguren auf einem Sockel stehend, als Sinnbild des tragischen Liebespaares. Diese Bilder passen sehr gut, weil sie mit den bekannten, symbolhaften Darstellungen spielen. Interessant ist der Mönch, der verzweifelt das Publikum nach dem verlorengegangenen Brief fragt, den er Romeo bringen sollte. Das Publikum sieht sich so mit der Frage konfrontiert, wie die Geschichte hätte enden können, wenn der Brief Romeo erreicht hätte. Die Verwendung von Jugendsprache als Witz ist eher unangenehm, als lustig. Die vulgären Späße von Mercutio sorgen für Längen und hätten durchaus gekürzt werden können.

 

Eine besondere Dynamik erfährt das Stück durch seine abwechslungsreichen Kampfchoreografien (Jan Krauter). Die Kampfszenen sorgen für Spannung und Action auf der Bühne. Vor allem die Fechtszene zwischen Mercutio, Tybalt und Romeo bleiben im Gedächtnis und sind beeindruckend.

 

Der Ton (Uwe Kohlhaas und Matthias Neumann) trägt entscheidend zu den verschiedenen Stimmungen bei. So wird die Dramatik in der Gruftszene durch das Ticken einer Uhr unterstrichen. Dadurch wird der Faktor Zeit in der Tragödie hervorgehoben. Würde Romeo später kommen oder Julia früher aufwachen, könnte die Geschichte anders ausgehen. Der Gesang von Graf Paris (Bastian Heidenreich) geht dem Zuschauer unter die Haut und sorgt für eine ergreifende Stimmung.

 

„Romeo und Julia" inszeniert von Jan Neumann, am Deutschen Nationaltheater in Weimar, ist ein Theaterabend dessen Besuch sich lohnt. Man muss sicher nicht mit allen Regieentscheidungen einverstanden sein. Insgesamt aber erwartet den Besucher eine Inszenierung die überzeugen kann, durch die Konzentration auf das Spiel der Schauspieler, durch Komik, die gerade zu Beginn den Einstieg ins Stück erleichtert, und durch die spannenden Kampfszenen.

 

Leonie Naujoks, die Autorin dieses Beitrags, studiert in Jena. Geschichte und Erziehungswissenschaft. Im Jahr 2019 nahm sie am Nationaltheater Weimar am Projekt „Woyzeck" teil.

 

 

 

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