Thema des Monats - Juni 2020

Eine Wundertüte voller Spielfreude

 

Das diesjährige Unruh(r) Festival vom 20. bis zum 23. Mai fand erstmals komplett digital statt. Dem Spaß am Theater tat das keinen Abbruch.

 

Von Sophie Vondung

 

"Am Anfang würden wir aufbauen und dann für fünf Sekunden ins Publikum schauen." Die 12-jährige Greta erklärt in einer Zoom-Konferenz mit ihrer Theatergruppe, wie ihr Stück angefangen hätte, wenn Corona nicht wäre. Seit Oktober haben sie daran gearbeitet. "Das Traurige war, dass wir nie im Kostüm waren und auch die Bühne nie gesehen haben", erzählt die 13-jährige Clara. Dann haben sie sich aber umso mehr gefreut, am Unruh(r) Festival teilzunehmen und ihr Stück digital zu präsentieren. "Die Positronen", wie die Gruppe heißt, zeigen es nun in einer veränderten Fassung. Ihre Monologe tragen sie zuhause vor. Später wird das Ganze bei YouTube den über 90 Teilnehmern des Festivals präsentiert. Ihr Video ist einer von neun Beiträgen, die die elf teilnehmenden Jugendclubs beim diesjährigen Unruh(r) Festival präsentiert haben.

 

Foto: Sophie Vondung

 

Das Festival gibt es schon seit 19 Jahren. Jedes Frühjahr treffen sich Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Theaterclubs im Ruhrgebiet, um zu spielen, sich auszutauschen und voneinander zu lernen. Normalerweise reist die Gruppe dann mit Bus und Bahn von einer Bühne Nordrhein-Westfalens zur nächsten. Denn das Unruh(r) ist ein Wanderfestival. Dass all das dieses Jahr nicht möglich sein würde, mussten Aline Bosselmann und Josephine Raschke Mitte März feststellen. Da steckten die beiden Organisatorinnen mitten in der Planung für das 19. Unruh(r) Festival. Von einem Tag auf den anderen mussten sie Proben absagen und Stücke über den Haufen werfen. Aber aufgeben und das Festival absagen war nie eine Option. "Am 14. März war der Shutdown und unsere Endprobe konnte nicht mehr stattfinden", erinnert sich Aline Bosselmann. Sie ist Theaterpädagogin am Schauspiel Essen und koordiniert das Festival. "Zwei Tage später habe ich zusammen mit Josephine beschlossen, was Digitales zu machen." Josephine Raschke ist die Produktionsleiterin des Festivals. "Wir wollten mutig sein und diese Situation kreativ verarbeiten", erzählt sie. "Alle waren sehr offen gegenüber den neuen digitalen Formaten", freut sich Bosselmann. Sie gründeten ein Social Media Team und organisierten eine digitale Betreuung für technische Fragen. Der Grundstein für ein digitales Unruh(r) Festival 2020 war gelegt. Für Josephine Raschke war das der Anfang einer Forschungsreise. "Wir werden auch scheitern, aber wir wollten es versuchen".


Ihre Bochumer Gruppe brachte die Webserie "Käse ist besser als Corona" mit zum Festival. Darin behandeln die Jugendlichen die Frage "Was kann eine Gemeinschaft heute sein?". Sie toben sich im neuen Digitalformat kreativ aus und zeigen in ihren Videotagebüchern Geschichten über Vampire und sprechende Meerschweinchen oder Tauchgänge in einer Salatschüssel. Auch Aline Bosselmanns Gruppe "Die Positronen", änderte ihr Konzept und verlegte die Proben auf Zoom oder Skype. Das war nicht immer einfach. Sie musste zum Beispiel mehr moderieren, weil die Kommunikation im Videocall nicht so intuitiv funktioniert, erzählt sie.


Das Endprodukt kann sich aber sehen lassen. Der Beitrag der Positronen heißt "Unendliche (Ge-)Schichten nach Hause teleportiert" und ist eine Mischung aus aufgezeichneter Zoom-Konferenz und Monologen. Das Thema: Sich selbst finden und seinen Platz in der Gesellschaft. Der 14-jährige Knut erzählt vom Anderssein als Junge mit Nagellack. Und von einer Partybekanntschaft, die sein Herz stahl. Die wird hier gespielt von einem schwarz-weiß gestreiften Kissen. Am Ende der Party hört Knut drei Sätze: "Kannst du mir bitte den Wein reichen?", "Fuck the Government" und "Ich liebe Dich". Kann aber nicht sagen, was davon seine Flamme gesagt hat. "Also gab ich ihr den Wein und sagte ‘Fuck the Government, ich liebe dich auch", schließt Knut seinen Monolog. Vorhang. Oder eben Schnitt zum nächsten Video, in diesem Fall. Die Spielenden sitzen auf ihren Betten oder Sofas, oder stehen draußen auf der Dachterrasse. Am Ende des Videos sind sie sich alle einig: "Das Theater ist unser Vakuum. Sonst verschwinden wir".

 

Schreibworkshop mit Clemens Mägde; Foto: Sophie Vondung


Zusätzlich zu den Theater-Darbietungen können die Teilnehmer*innen in vielfältigen Workshops lernen, fürs Theater zu schreiben, ein Clown zu sein, oder den offiziellen Unruh(r) Tanz zu performen. Abends werden im Instagram- Livestream gemeinsam Spaghetti gekocht. Auch sonst ist das Herzblut, das die Organisator*innen ins Festival gesteckt haben, deutlich zu spüren. Nach der Eröffnung am Mittwoch versammeln sich alle Teilnehmenden zunächst im Einlass-Kanal bei Discord. Die App dient als Basis für das bunte Festival-Treiben. Hier werden jetzt nach und nach immer mehr Kanäle freigeschalten. Im Theaterfoyer-Channel gibt es Infos, was wo läuft. An das Festivalbüro können sich die Jugendlichen bei organisatorischen Fragen wenden. In der WG-Küche haben sie die Möglichkeit, in Ruhe ins Gespräch zu kommen. Zusätzlich gibt es für jedes gezeigte Stück einen eigenen Kanal für Feedback. Viele Herz-Emojis und viel Vorfreude lassen sich dort schon am ersten Tag erleben.


Am ersten Abend präsentieren die Positronen ihr Werk bei YouTube. Auf dem zugehörigen Discord-Kanal regnet es anschließend Applaus-GIFs. Zu Knuts Monolog schreibt Dante vom Spieltrieb Duisburg: "Ich habe Euren Beitrag gesehen und hab mich als Junge, der auch Nagellack trägt, sehr gefreut." Bei Zoom gibt es anschließend Nachgespräche. Clara erzählt: "Klar waren wir gespannt, was die anderen dazu sagen, aber man war jetzt nicht aufgeregt." Das Premierengefühl blieb aus, denn: "Man wusste ja schon, dass alles geklappt hat, es war ja schon abgedreht." Dass das digitale Format ungewohnt ist, findet auch Paula von "Käse ist besser als Corona". Sie erzählt über ihre Webserie: "Es war schwierig, in so kurzen Videos eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen". Und Lea ergänzt: "Man konnte schon schreien, aber man musste dabei aufpassen, dass das Mikro nicht übersteuert."


Die Gruppe vom Theater Oberhausen hat ein anderes Konzept gewählt. Sie spielen nicht von zuhause aus, sondern stehen einzeln auf der Bühne. In ihrem Stück "Medea Mashup" übertragen sie den antiken Stoff in die heutige Zeit. Schauspielerin Kathrin setzt gerade zu einem Rap an, da wird sie von einer Computerstimme unterbrochen. "Du willst doch jetzt hier nicht ernsthaft so ‘ne Rap-Nummer abziehen? Findest du nicht, dass das eher so ein Männerding ist?" Aber sie rappt unbeirrt los: "2020 hat ‘n Virus/ den hat Deutschrap schon seit Jahren/ zum Glück bin ich hier nur Objekt/ weil mir Corona dann nichts anhaben kann". Dann zählen die Jugendlichen wirkungsvoll die Namen von Bondgirls auf. "Sie alle kommen meist nur einmal vor, aber ihn kennen sie alle. Er ist der Held." Die Schauspielerinnen erzählen aber auch Geschichten, die Mut machen. Am Ende sind sie sich alle einig: "Ich bin Medea." Und wichtiger: "Wir nehmen uns das Recht, Frau zu sein."

Live-Impro; Foto: Sophie Vondung


In der Nachgespräch-Konferenz sind an diesem Abend über 30 Leute. Alle paar Minuten wird man in eine neue, zufällig zusammengewürfelte Kleingruppe gesteckt, in der dann eine bestimmte Frage diskutiert wird. Wer gleich neben dem eigenen Webcam-Bild auf dem Bildschirm auftaucht, ist also jedes Mal eine Überraschung. Man spricht mit Dramaturg*innen und Theaterpädagog*innen, dem Mörder aus dem Impro-Stück, und mit vielen anderen Jungschauspieler*innen. Das macht für Knut den Reiz daran aus: Immer wieder mit Unbekannten in Kontakt zu treten. Dass das nicht nur Unbekannte sind, sondern allesamt Theaterbegeisterte, merkt man sofort. So gibt Josephine Raschke zum Beispiel am Anfang jedes Meetings pantomimische Aufgaben: "Wie war Eure Grundemotion des Tages?", fragt sie. In den vielen kleinen Fenstern auf dem Bildschirm werden reihenweise begeistert die Arme in die Luft geworfen, hier und da legt sich ein Kopf müde auf die Laptoptastatur. "Welche Bewegung habt ihr heute am meisten gemacht?" Finger rauschen über imaginäre Tastaturen.


Und der Ton ist, egal auf welchem Kanal, freundschaftlich. Man kann spüren, dass all diese Jugendlichen aus den verschiedensten Ecken des Ruhrgebiets eine gemeinsame Leidenschaft verbindet. In der WG-Küche zum Beispiel hat Knut schon Kontakte geknüpft, erzählt er. "Man hat sich schon richtig dran gewöhnt, dass das jetzt digital ist.". Trotzdem freut er sich darauf, das Festival nächstes Jahr analog zu erleben. Besonders das Herumreisen von einer Bühne zur nächsten sei ja schwer zu ersetzen, ergänzt seine Kleingruppen-Gesprächspartnerin Vera. "Aber es passiert ja so viel auf Discord: Die Leute applaudieren und geben Feedback. Das finde ich berührend", so Vera. Schauspielerin Olivia ist dennoch traurig, dass sich diese innige Energie eines Festivals digital nicht wirklich übertragen lässt. Sie hat bei "Medea Mashup" mitgespielt und sitzt zeitgleich zum Festival an ihren Abi-Prüfungen. Sie könnte sich vorstellen, auch in Zukunft weiter an digitalen Formaten zu arbeiten. "Das Theater braucht sich vor der Digitalität nicht zu fürchten", meint auch Leonie. Das Festival sei Beweis dafür, dass es das Digitale für sich nutzen kann. Lio stimmt ihr zu, dass man analog und digital parallel fahren lassen sollte: "Das eine kann das andere nicht ersetzen." Es wird noch lange diskutiert an diesem Abend, fast bis Mitternacht sitzen die Teilnehmenden vor ihren Bildschirmen. "Drei, Zwei, Eins, Tschüüüß!", verabschieden sie sich schließlich voneinander und winken in ihre Kameras. Jetzt heißt es ab ins Bett, denn morgen früh um 10 ist schon der nächste Workshop.

Livestream der Abschlussfeier; Foto: Sophie Vondung


Bei vier Tagen Festival voller Videos, Workshops, Livestreams und Zoom-Konferenzen kann man schon mal den Überblick verlieren. Und vor dem Laptop zu sitzen ist natürlich nicht dasselbe wie ein Wanderfestival. Aber viel wichtiger: Die liebevolle und durchdachte Planung des Festivals, der freundschaftliche Zusammenhalt aller Teilnehmenden, und die allgegenwärtige Spielfreude haben bewirkt, dass man sich als Teil von etwas Größerem wahrnimmt, auch wenn man alleine in seinem Zimmer sitzt. Die Teilnehmenden haben bewiesen, dass auch die widrigen Bedingungen dieses Jahres ihrer kreativen Energie keinen Abbruch getan haben. Und der Funke ist durch die Laptopbildschirme hindurch spürbar übergesprungen.