Thema des Monats - Mai 2019

Kunst auf Augenhöhe

Wie ein Theaterprojekt das Museum erobert

 

Von Vanessa Renner


Das Landesmuseum Mainz an einem Dienstagabend. Der Dienstag ist langer Besuchstag im Museum. In einem Kellergang hat sich eine Gruppe von neun Personen verschiedenen Alters versammelt. Alle tragen schwarze Kleidung, von der sich jeweils ein roter Farbtupfer abhebt: Halstücher, Stulpen, Schuhe oder Pulswärmer. Ein Mädchen beginnt zu sprechen: „Ich bin neun Jahre." „Mit neun Jahren habe ich angefangen Fußball zu spielen", setzt ein junger Mann ein. „Mit neun Jahren war ich bei Fliegeralarm oft im Keller", erwidert ihm eine Frau und eine andere fährt fort: „Ich habe mit neun Jahren sehr gerne Ballett getanzt". Nach und nach stellen sich alle mit ihrem Alter vor. Erzählen von sich, ihren Hobbys und Vorlieben. Von Stationen auf ihrem Lebensweg, Erinnerungen und Zukunftswünschen. Je nach Alter, den Blick zurück oder nach vorn gerichtet. „Mit sechzig Ja-ren möchte ich noch glücklich sein", hofft die Neunjährige. „Mit sechzig habe ich angefangen Theater zu spielen", erinnert sich eine 86-Jährige.

 

Kunst kann laufen. Quelle: GDKE, Direktion Landesmuseum Mainz, Krisztina Péró.

 

Um gemeinsam Theater zu spielen, sind die neun Personen im Dezember des vergangenen Jahres zusammengekommen. Zu einem ersten von insgesamt neun Treffen der Theaterwerkstatt „Kunst kann laufen". Doch ging es, wie der Titel verrät, um mehr als „nur" Theater spielen. „Gleich bei unserem ersten Treffen sind wir gemeinsam aus dem Probenraum des Theaters symbolisch ausgezogen und ins Landesmuseum eingezogen", erzählt Theaterpädagogin Katrin Maiwald, eine der drei Werkstattleiterinnen. Von dem Zeitpunkt an bewegt sich die kleine Gruppe frei im Museum vom Kellergeschoss bis ins zweite Stockwerk, das die zeitgenössische Kunst beherbergt. „Und die sind gleich voller Entdeckerfreude losgedüst", erinnert sich Maiwald. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Jacqueline Rudolf und Museumspädagogin Krisztina Péró hat sie die Idee zur Theaterwerkstatt entwi-ckelt und das Projekt auf die Beine gestellt. Das Museum mit den Mitteln des Theaters zu erforschen, so das Ziel und Motto des Projektes. Dessen Ergebnisse wurden dem Publikum im Anschluss an die Treffen bei einem gemeinsamen Museumsrundgang präsentiert.


Auf der Suche nach einem persönlichen Kunstwerk

Asude und ihre 18-jährige Tochter Ceyda interessierte von Anfang an beides. Das Theater und die Kunst. „Wie das zusammen passt und wie man im Museum Theater spielen kann, darauf waren wir neugierig", erzählt Asude. Also nahmen sie die Theaterwerkstatt als Anlass für eine Mutter-Tochter-Unternehmung. Im Stück spricht Asude im schwäbischen Dialekt, stellt eine alte Tasse aus ihrer Heimat, einem kleinen Dorf im Schwabenland, vor. Ihr persönliches Kunstwerk, die Tasse, platziert sie direkt vor ein Gemälde der Modernen Sammlung. „Das Durcheinander, die vielen Menschen, die sich darauf tummeln, verbinde ich mit meiner Kindheitserinnerung an einen langen Spielplatztag", erklärt sie. Nach diesen Spielplatztagen habe sie am Abend immer eine heiße Milch mit Honig aus ihrer Tasse getrunken. Die Suche nach einem persönlichen Kunstwerk, einem alten Gegenstand, der aus der Perspektive und vor dem Hintergrund der eigenen Biografie ausgestellt werden sollte, war eine der ersten Aufgaben für die Werkstattteilnehmer. So auch für Ute, Deutsch- und Sportlehrerein im Vorruhestand, die eine alte Sanduhr vor einer beweglichen Skulp-tur, einer Art Standmobile aus Metall präsentiert. „Das sind ja zwei ganz spannende Dinge: einen Gegenstand, der mir etwas bedeutet, konzentriert anzuschaun", gibt Ute ihre Erfahrung wieder, „und dann einen Platz im Museum zu finden, um ihn zu positionieren." So entstehe zwischen dem persönlichen Gegenstand und dem ausgestellten Objekt eine Art Zwiegespräch, ist sie begeistert. Die Sanduhr habe ursprünglich ihrer Urgroßmutter gehört. „Sie ist dann durch die Familie gewandert", erzählt Ute. Mit ganz verschiedenen Funktionen. So habe ihre Mutter sie in der Küche zum Kochen verwendet. Ein heiliger Gegenstand ist die Uhr für Ute trotz ihres Alters nicht: „Im Gegenteil, ich benutze sie im Bad als Zahnputzuhr."


Ob Tasse, Sanduhr, Lauflernschuhe oder alte, oft und gern getragene Kleidungsstücke. Es sind Erinnerungen, die lebendig bleiben dadurch, dass über sie erzählt, sich ausgetauscht, sie ausgestellt werden. Umso interessanter, da die Gruppe der Werkstattteilnehmer eine Altersspanne von knapp achtzig Jahren umfasst. „Wir haben uns unabhängig von unserem Alter und unserer Lebenssituation füreinander interessiert", schildert die 18-jährige Ceyda ihre Eindrücke, „so konnten wir viel voneinander lernen." Der respektvolle und ehrliche Umgang untereinander habe sie beeindruckt. „Ich meine, mit einer 86-Jährigen über neue Medien zu diskutieren oder ihr zu erklären, wie ein USB-Stick funktioniert", lacht sie. Die Ungezwungenheit im Gespräch, die humorvolle Art, der Kunst wie auch der eigenen Vergangenheit zu begegnen, betont auch Ute. Im Stück mimt sie eine Museumsführerin, die mit einem Augenzwinkern eine Heizung im Treppenhaus vorstellt. „Funktion bestimmt Form", erklärt sie in Anlehnung an die Ideen des Bauhaus und betont „die erstaunliche Wechselwirkung mit der Raumtemperatur". So stellt sie implizit die Frage danach, was ein Kunstwerk zu einem Kunstwerk macht. Vielleicht eine Frage des Perspektivwechsels. Der eben auch dann gelingt, wenn die Besucher die Art, sich durchs Museum zu bewegen, verändern. Wenn sie nicht mehr still und andächtig durchs Museum „wandeln" und ehrfürchtig Kunstwerk für Kunstwerk abarbeiten, sondern zum Walzertakt durchs Museum tanzen oder auf einer imaginären Linie balancieren, große oder kleine Schritte, schnelle oder langsame.


Was hat all das mit mir zu tun?
Die Bewegung als ureigenes Theatermittel, hier als Annäherungsmoment an die Kunst. „Es ging uns in der Werkstatt um die Verbindung von Bewegung und Kunstobjekten, die sich nicht bewegen", erklärt Theaterpädagogin Jacqueline Rudolf. Zum Beispiel in der Mensch und Schatten-Übung, die auch im Stück gezeigt wird. Eine ältere Frau geht von Bild zu Bild. Dabei trägt sie einen kleinen Hocker mit sich, den sie vor den Kunstwerken aufklappt, um sie in Ruhe zu betrachten. Eine zweite jüngere Frau „verfolgt" sie als ihr Schatten und bewegt sich im selben Tempo und mit den exakt selben Bewegungsabläufen. „Schon haben wir eine kleine Choreografie", erläutert Rudolf. Symbo-lisch für die Bewegung stehen die Schuhe, die die Werkstattteilnehmer bei einem ihrer Treffen selbst gestalten und dem Publikum während des Rundgangs vorstellen. „Luftpostschuh", nennt Ute ihr Kunstwerk, das von dünnem Papier geschmückt wird, und erzählt dessen Entstehungsgeschichte: „Ich hatte mich kurz zuvor mit einer alten Freundin getroffen. Sie hatte mir Luftpostbriefe aus den 70er Jahren mitgebracht, die ich ihr damals geschrieben hatte." Sie habe dann dünnes Luftpostpapier in ihren Schuh eingearbeitet, erklärt Ute. Und damit die Erinnerung an eine lieb ge-wonnene Routine aus vergangenen Zeiten konserviert. Denn: „Ich finde, das ist etwas, was uns verloren gegangen ist - überhaupt, das Briefeschreiben."


Kunstwerke erzählen ihre Geschichten. Es sind persönliche Geschichten, die ebenso persönlich von ihren Betrachtern entziffert werden. So wird aus der allgemeinen Beschäftigung mit Kunst die Suche nach dem ganz individuellen Zugang zu den konkreten Kunstwerken. „Es geht in der Werkstatt darum, das Museum für sich zu entdecken ohne Hemmungen oder irgendwelche Zwänge", formuliert Museumspädagogin Krisztina Péró, „entscheidend ist nicht, von wem ist dieses Gemälde, sondern welche Beziehung kann ich zu ihm aufbauen." Die Frage „Was hat all das mit mir zu tun?", begleitet die Werkstattteilnehmer bei jedem Treffen. In ihrer Beantwortung liegt Erinnerungsarbeit, die Reflexion der eigenen Biografie, der Vergangenheit wie auch der Zukunft. „Ja natürlich sind Zeit und Erinnern persönliche Themen", bestätigt Ute, „für mich ganz konkret. Ich bin jetzt 65, da überlege ich schon mal, wie will und werde ich später leben." Sie sei gerade beim Ausmisten. „Ich frage mich ständig, welche Gegenstände eine Bedeutung für mich haben." Manche loszulassen sei nicht einfach. „Ach, ich habe diesen großen Wohnzimmerschrank von meinen Eltern geerbt. Wenn da mal alles reinpasst, was ich zum Leben brauche", sie lacht herzlich und fügt dann aber schnell hinzu „also symbolisch gesprochen." Die Fröhlichkeit der Gruppe bei der gemeinsamen Probenarbeit werde sie aus der Werkstatt mitnehmen, so Ute. „Dass man so entspannt und lebendig mit Kunst umgehen kann, das sollte es häufiger geben", findet sie. Die 18-jährige Ceyda und ihre Mutter Asude ergänzen: „Ja, an diese Fröhlichkeit und an unsere Gruppe werden wir bei unseren nächsten Museumsbesuchen auf jeden Fall denken." Überhaupt sei das Museum für sie nach den Erfahrungen bei „Kunst kann laufen" viel persönlicher geworden. „Nicht einfach ein Ort, den man besucht, sondern irgendwie mehr mit Gefühl."